Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Heimat in Flammen

In den letzten Stunden des alten Jahres brannte sozusagen vor den Augen von Sandra C. und ihrer Familie ein Hotel nieder. Ihre Kinder - und auch sie selbst - reagierten mit einer Mischung aus Schrecken, Faszination und Sensationslust, welche die Familienbloggerin nachdenklich stimmt. 
Arosa Brand im Hotel Foto im Familienblog
© Keystone

Im Posthotel Holiday Villa in Arosa brannte es kurz vor Silvester.

Die Nachricht verbreitet sich an besagtem Tag buchstäblich wie ein Lauffeuer durch meinen Heimatort. Ein Hotel brennt, mitten im Dorf. Als wir uns auf den Weg zum Abendessen machen, riecht der gesamte Ort wie eine gigantische Grillparty. Da alles um besagtes Hotel herum grossräumig abgesperrt ist, müssen wir einen Umweg fahren, von dem aus wir von oben freien Blick auf das gesamte Spektakel haben. Lodernde Flammen, Feuerwehrautos, Ambulanzen, Sirenen. «OhmeinGottohmeinGottohmeinGott, mach ein Foto und schick es mir, das ist mein erster Brand!», kreischt meine Tochter aufgeregt vom Rücksitz des Autos. Und flüstert im gleichen Atemzug total geschockt: «Wie schrecklich! Wenn da noch jemand drin ist - ein Kind oder ein Hund. Wie furchtbar.»

Ihre Reaktion belustigt und verwirrt mich zugleich. Und meine eigene auch. Am nächsten Morgen zieht es mich beim Spaziergang mit dem Hund wie magisch an den Ort des Geschehens. Und ich, die ich mich über kaum etwas so aufrege wie über Gaffer, wenn ein Unfall passiert ist, zücke mein Handy und fotografiere das ausgebrannte Haus, die Rauchschwaden, die immer noch aus den kaputten Fenstern qualmen, die zerstörten Autos, die vor dem Hotel stehen. Fasziniert beobachte ich die teilweise völlig übermüdeten Feuerwehrleute, die die Nacht über im Einsatz waren, und das Schlimmste verhinderten. Plötzlich steht neben mir eine kleine Gruppe von Menschen, die sich wortlos und weinend umarmt. Ein paar Meter daneben geht das normale Leben weiter, Leute schlendern um den See, holen beim Bäcker ihre Brötchen.

Auf dem Heimweg geht mir diese Szenerie nicht mehr aus dem Kopf. Wie fühlt sich das wohl an, wenn du vor den Trümmern deines Lebens stehst, wenn du alles verloren hast, und neben dir geht das Leben einfach weiter? Sie spazieren an dir vorbei in Moncler-Jacken und mit Gucci-Brillen und gehen Feuerwerk und Champagner kaufen für Silvester. Bei dem Hotelbrand ist das Drama Gott sei Dank nicht ganz so gross. Trotz Totalschaden wird kaum jemand alles verloren haben, Versicherungen sei Dank, und Menschenleben forderte der Brand zum grossen Glück keine.

Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass all dies ein bisschen sinnbildlich ist für 2016. Tausende von Menschen in aller Welt stehen tatsächlich vor den Trümmern ihres Lebens, haben wirklich alles verloren, und um sie herum geht das Leben einfach weiter. Und wir haben zugeschaut, mit einer Mischung aus Schrecken, Faszination und Sensationslust, und waren und sind froh, dass es uns nicht erwischt hat.

«Was ist denn eigentlich passiert? Und wer ist Schuld?», fragt mein Sohn, als ich zurück bin vom Spaziergang. Auch diese Fragen gelten wohl fürs ganze Jahr. Was ist eigentlich passiert, dass es so weit kommen konnte? Und wer ist Schuld daran, an Krieg, Terror, Flüchtlingselend? 2016 war kein schlechteres Jahr als andere, auch wenn viele das behaupten mögen. Und ich fürchte, 2017 wird kein besseres. «Ich weiss nicht, was passiert ist und wer Schuld ist», sage ich zu meinem Sohn. «Es ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass der Brand gelöscht und Schlimmeres verhindert wurde.» Es wäre schön, wenn wir das auch Ende 2017 sagen können.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.