Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Und was ist mit den Vätern?

Sandra C. wird häufig gefragt, wie sie es schaffe, Kinder und Beruf «unter einen Hut zu kriegen». Die Familienbloggerin fragt sich, warum man Männern diese Frage selten stellt. Die Herren der Schöpfung sind hierzulande immer noch in erster Linie Ernährer, nicht Erzieher. Weil sie das so wollen? Weil es nicht anders geht? Oder weil sie Angst haben vor mehr «Kinder» und weniger «Karriere»?
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Väter sind immer noch in erster Linie Ernährer, nicht Erzieher.

Vor ein paar Jahren war unser Sohn, sagen wir, ein bisschen auffällig im Kindergarten. Die Kindergärtnerin rief seinen Vater an, der musste antraben. «Wie viel arbeiten Sie?», fragte sie ihn, noch bevor er etwas sagen konnte. Und auf seine Antwort: «Oh, so viel, wissen Sie, das ist schon schwierig für ein Kind, wenn sein Vater so viel arbeitet.»

Ihr glaubt mir nicht? Stimmt auch nicht. Welche Kindergärtnerin kommt nur schon auf die Idee, den Vater anzurufen statt die Mutter? Natürlich hat sie mich angerufen. Und auf die Idee, einen Vater zu fragen, wie viel er arbeite, kommt sowieso niemand. Bei uns berufstätigen Müttern (So am Rande: Schon mal über den Term «berufstätige Väter» nachgedacht?) ist es immer eine der ersten Fragen, die gestellt wird. Ich frage mich schon länger, warum eigentlich nie jemand über die Väter diskutiert. Ich habe mal die News der letzten Zeit über «Mütter» gegoogelt und bin zum Beispiel auf folgende Schlagzeilen gestossen: «Mütter, die 100 Prozent arbeiten, sind sozial nicht toleriert». Oder «Arbeitende Mütter sind kein Nachteil». (Nur so zum Spass: Ersetzt mal «Mütter» durch «Väter»). Beim Googeln nach «Väter» erschien zuoberst Folgendes: «Erfolgreiche Schweinebesamung hat viele Väter»! (Dazu verkneife ich mir jeden Kommentar). Zum Thema Vater und Arbeit musste ich sehr, sehr weit runterscrollen - und auch ging es lediglich darum, dass sich «Väter heute auf ihre Vaterrolle vorbereiten wie auf einen Job» - davon, in demselben zurückzustecken, stand nichts.

Bei allen Bemühungen um Gleichberechtigung von Frauen und Männern, ist eines klar: Von Gleichberechtigung von Müttern und Vätern sind wir noch sehr, sehr, sehr weit entfernt. Das ist schade - vor allem auch für die Väter. Ich hatte diese Woche die Gelegenheit, mich im Rahmen einer Diskussion des Projektes «Der Teilzeitmann» mit einer Handvoll Väter über das Thema Kinder und Karriere zu unterhalten. Dabei sagte einer folgenden Satz: «Viele Männer wollen gar nicht mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.» Ist das tatsächlich so? Ich fragte in meinem Umfeld nach. Doch, doch, sie würden schon wollen, sagten die meisten eher halbherzig. Aber das ginge ja nicht, weil in der Firma seien Teilzeitarbeit und Homeoffice eher verpönt. «Verpönt - aber nicht unmöglich?», fragte ich nach. Hilfloses Schulterzucken. «Hast du gefragt?» Kopfschütteln. Wenn es tatsächlich so ist, dass die Herren der Schöpfung wollen würden, dann sage ich jetzt mal ganz provokant: Ihr seid Angsthasen! Wo sind eure - Entschuldigung - Eier? Wovor habt ihr Schiss? Vor den Blicken und Bemerkungen der Kollegen? Vor der finanziellen Einbusse? Davor, dass es auf der Karriereleiter nicht mehr nach oben geht?

Zugegeben, dass der oben genannte Vater vermutlich Recht hat, hat nur einer: derjenige, der sich seit über zehn Jahren die Betreuung unserer Kinder fifty-fifty mit mir teilt - ihr Vater! Männer seien, vor allem zwischen 30 und 40, wo heute die meisten Vater werden, sehr auf ihre Karriere fixiert, da spiele im Kopf vieles andere eine Nebenrolle. Davon loszukommen braucht Überwindung und Mut. Aber es lohnt sich: Väter können nämlich Job und Familie genauso gut «unter einen Hut kriegen» (ich hasse den Term, aber mir fällt auch kein besserer ein) wie Mütter.

Insofern bin ich also froh, haben meine Kinder so einen heldenhaften Vater (und das meine ich jetzt nur ein klitzekleines bisschen ironisch). Und es gibt tatsächlich noch mehr dieser Helden. Schaut mal auf www.teilzeitkarriere.ch vorbei und/oder bestellt das Buch «Der Teilzeitmann, flexibel zwischen Beruf und Familie». Dort findet ihr ihre Geschichten. Und vielleicht ruft irgendwann ja tatsächlich eine Kindergärtnerin - oder ein Kindergärtner - einen Vater an, wenn das Kind mal aus dem Rahmen fällt.

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.