Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Begrabt endlich dieses Mami-Stigma!

Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in aller Munde. Klar sind alle - oder zumindest mehr Schweizerinnen und Schweizer als auch schon - dafür, dass auch Mütter Beruf und Familie unter einen Hut kriegen können, wie man so gern sagt. Alles andere ist doch irgendwie uncool. Entsprechende Initiativen fährt man aber immer noch - und immer wieder - Vollgas gegen die Wand. Denn richtig handeln will dann doch niemand für diese Vereinbarkeit. Und zahlen auch nicht. Das Problem liegt in unseren Köpfen, findet Familienbloggerin Sandra C.: Die Idee, dass die Mutter - und nur sie - die allerallerallerallerwichtigste Bezugsperson fürs Kind ist und danach kommt sehr lange nichts mehr ist dort so fest verankert, dass man sie kaum rauskriegt.
Berufstätige Mütter pro contra Schweiz Kinder Blog Familienblog
© Getty Images

Väter sind genauso wichtig für ihre Kinder wie Mütter.

So schlecht fand ich sie nicht, die Idee der Initiative «Bezahlbare Kinderbetreuung für alle»: Unternehmen zahlen in einen kantonalen Betreuungsfonds ein, aus dem die für Eltern heute horrend teuren Krippen und Horte unterstützt werden. Ich war in der krassen Minderheit. Mit über 70 Prozent Nein-Stimmen lehnte der Kanton Zürich vergangenes Wochenende die Initiative ab. Die Begründung: Selbstverständlich brauche es bezahlbare familienergänzende Angebote. Das müsse aber Sache der Gemeinden sein. Ob die Gemeinden das genauso sehen, sei dahingestellt. Zahlbare Hort- und Krippenplätze in Ehren, solange man als Unternehmen/Staat/Kanton/Gemeinde/Steuerzahler nicht dafür in die Tasche greifen muss.

Warum um alles in der Welt kriegen wir das nicht auf die Reihe? Wir hocken mittendrin im modernen Europa und haben keine bezahlbaren familienergänzenden Angebote, kaum Tagesschulen, kaum familienfreundliche Arbeitsstrukturen, keine Elternzeit (ich spreche bewusst nicht von Vaterschaftsurlaub). Das Ganze macht mich je länger je mehr nicht nur als Familienfrau leicht grantig, sondern auch als Steuerzahlerin: Ich zahle - Entschuldigung - für jeden Scheiss Steuern. Und ich würde echt lieber dafür zahlen, dass Familien, die weniger privilegiert sind als ich, sich einen Krippenplatz leisten können, statt dafür, dass sich unsere Armee noch ein paar Fliegerlein posten kann (jaaaaa, ich weiss, dass nur ein ganz kleiner Prozentsatz der Steuern in die Landesverteidigung fliesst, aber das ist immer noch mehr als gar nichts!).

Der berühmte Hund liegt eben wieder mal in unseren Köpfen begraben. Gesehen auch an folgendem Beispiel: Am 12. September debattierten am nationalen Spitzentreffen «Fachkräfte Schweiz» Vertreterinnen und Vertreter des Bundes, der Kantone und der Sozialpartner über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Vor die Mikrofone der Medien traten im Anschluss ausschliesslich Männer. Worauf Nationalrätinnen aller Parteien auf die Barrikaden gingen und fanden, es sei inakzeptabel, dass bei einer Diskussion, die massgeblich die Frauen betreffe, nur Männer das Wort ergreifen. Klar, das war nicht wirklich gut durchdacht und ein bisschen unglücklich. Was mich aber wirklich stört an der Sache, ist die Behauptung, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf «massgeblich die Frauen betrifft». Genau dieses Denken ist es nämlich, das uns das Handeln in dieser Sache so schwer macht.

Gleichberechtigt - gleichverpflichtet

Warum, liebe Frauen und Männer, betrifft die Vereinbarkeit von Familie und Beruf «massgeblich die Frauen»? Ich persönlich kenne kein Kind, das ohne Vater entstanden ist. Und wenn es um sonst irgendwelche Projekte geht, ist es wohl auch eher selten, dass jemand sagt: «Also, ich investiere fünfzig Prozent und du investierst fünfzig Prozent. Aber die Verantwortung liegt dann massgeblich bei dir. Auch wenn ich die Hälfte dazu beigesteuert habe, ist mir herzlich egal, was aus dem Ding wird, ich habe nämlich Wichtigeres zu tun.»

Liebe Leute, es wird Zeit, dass das in diesem Land mal jemand ganz klar und laut und deutlich sagt: Begrabt endlich dieses Mami-Stigma! Väter sind genauso wichtig für ihre Kinder wie Mütter. Väter können lieben, erziehen, kochen, Windeln wechseln, trösten, zuhören, bei Hausaufgaben helfen, verbieten, erlauben, planen, Turntaschen packen, gut zureden, in die Schranken weisen, Zvieri machen, Zahnputz-Lieder erfinden, Gutenachtgeschichten erzählen - und der Teenietochter glaubhaft verklickern, dass kein Junge der Welt ihre Tränen wert ist (letzteres sogar besser als Mütter).

Wir brauchen bezahlbare familienergänzende Angebote, damit Mütter und Väter die Chance haben, sich Job und Familie fair zu teilen. Wir brauchen zuallererst endlich, endlich garantierte Lohngleichheit, denn nur so haben Mütter und Väter eine echte Wahl. Wir brauchen eine Elternzeit, die sich Mütter und Väter nach ihren Bedürfnissen aufteilen können. Dann haben auch Väter die Chance, als Erzieher ihrer eigenen Kinder ernst und wichtig genommen zu werden. Wir brauchen Unternehmen, die familienfreundliche Strukturen anbieten - für Frauen und Männer. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Mütter und Väter, Frauen und Männer, auf die gleiche Stufe stellt, gleichberichtigt - und gleichverpflichtet - in jeder Hinsicht.

Das kann doch nicht so schwer sein!

Im Dossier: Alle Familienblogs von Sandra C.