Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Was ich alles NICHT gemacht habe, um eine gute Mutter zu sein

Letzthin lief Sandra C. eine hochschwangere Bekannte über den Weg. Diese erzählte ihr, was sie sich alles vorgenommen hat in Sachen Kindererziehung. Die Familienbloggerin musste schmunzeln. Sie war nämlich auch mal die perfekte Mutter - bis sie Kinder bekam. Hier eine Liste der Vorsätze, die Sandra C. NICHT eingehalten hat (sie wäre vermutlich noch länger, aber die Bloggerin ist recht gut im Verdrängen solcher Dinge) - und ihre Kinder sind trotzdem halbwegs gross geworden.
Themenbild Kind Glace Sommer
© istockphoto

Zwei Jahre ohne Süssigkeiten - dieser Vorsatz warf Bloggerin Sandra rasch über Bord.

1. Nach Möglichkeit keinen Nuggi.
Dauerte bei meiner Tochter ein paar Wochen, bis mich das Mitleid überkam - mit ihr, aber noch vielmehr mit mir selbst. Diese himmlische Ruhe, die so ein friedliches Nuckeln mit sich bringt... Bei meinem Sohn dauerte es zwei Tage, bis das Pflegepersonal in dem «stillfreundlichen» Spital, in dem er zur Welt kam, sich meiner erbarmte und - ganz gegen die Prinzipien des Hauses - dem Baby mit dem scheinbar unstillbaren Sauge-Bedürfnis einen Nuggi gab. Zwei weitere Tage später waren dann auch meine Brustwarzen nicht mehr ganz so wund und ich schrie nicht mehr vor Schmerzen beim Stillen. Zwar waren die Nuggis tatsächlich ein paar Jahre lang mehr oder weniger ständige Begleiter. Aber wir sind sie, als es an der Zeit war, ohne grosses Drama losgeworden und keins meiner Kinder hat übermässig schräge Zähne gekriegt.

2. So lange wie möglich ausschliesslich Muttermilch.
Ich habe zwar beide meine Kinder gestillt, solange sie das wollten. Da meine Tochter aber einen Reflux hatte und mindestens dreimal täglich sich selbst und mich vollkotzte, fütterte ich ihr auf kinderärztlichen Rat hin dickeres Milchpulver zu, das nicht so leicht hochkam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie daran keinen Schaden genommen hat.

3. So oft wie möglich Selbstgekochtes.
Was habe ich geschält, geschnippelt, gekocht und püriert, als mein erstes Kind in die Breili-Phase kam. Und wie habe ich es gehasst! Irgendwann hab ichs aufgegeben, und Kind Nummer zwei hat kaum je einen selbst gekochten Rüeblibrei zu Gesicht bekommen. Diese Brei-Phase dauert nicht mal ein halbes Jahr, und in den paar Monaten wird sich kaum ein Kind je an gekauftem Babybrei im Glas mit einer schlimmen Krankheit angesteckt haben. Das Gekoche ist pure Zeitverschwendung!

4. Mindestens zwei Jahre lang zuckerfrei.
Ich weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich mich an diesen Vorsatz zurück erinnere. Wie naiv man als Schwangere doch sein kann! Mein Vater drückte seiner Enkelin ihr erstes Glacé in die Hand, kaum konnte sich diese einigermassen auf den Beinen halten. Ich werde niemals ihr total verzücktes Augenrollen beim ersten Schleck vergessen. Manchmal frage ich mich, ob sie heute wohl auch so versessen auf Zuckerzeug wäre, wenn man sie früher und langsamer daran gewöhnt hätte.

5. Möglichst pädagogisch wertvolles Spielzeug, keine Spielzeugwaffen, keine Ballerspiele.
Ja klar, träum weiter. Abgesehen davon, dass die meisten schon zur Geburt mit blinkendem und lärmendem Plastikschrott überhauft werden, findet das ein Grossteil der Kinder einfach viel spannender als total korrektes Holzspielzeug - das dazu noch «es Gwehr» kostet. A propos: Ich bin immer noch kein Fan von Spielzeugwaffen und Ballerspielen. Aber Jungs «schiessen» einfach gern, mit allem, was ihnen in die Finger kommt. Und ob er jetzt mit einer Spiel-Pistole oder einer Banane zielt, ist ja eigentlich Wurscht. Kein Kind wird zum Massenmörder, weil es eine «Nerf» besitzt oder mal ein Monster-Abknall-Spiel spielt. Zumal es bei solchen Spielen nicht ums Töten geht, sondern ums Machtgefühl. Und wenn man den kleinen Superhelden verklickert, dass, sobald sie alle Monster aus dem Weg geräumt haben, das grösste, unbesiegbare Monster - ihre Mutter - wieder das Sagen hat, seh ich da keine grossen Probleme.

6. Sinnvolle Freizeitgestaltung - je eine Sportart und ein Instrument sind Pflicht.
Kinder haben ihre eigenen Talente und Interessen. Ich hätte es wirklich gern gesehen, wenn meine Tochter einen Ticken sportlicher wäre. Sie spielt zwar gern Handball und Fussball - aber eben nicht genug, um ihre Freizeit darin zu investieren. Und schlussendlich ist mir halt doch lieber, wenn sie sich auf die Gesangsstunde freut, als wenn sie mit einem Lätsch ihre Fussballschuhe schnürt. Und nur weil ich finde, mein Jüngster sei durchaus auch musikalisch, heisst das noch lange nicht, dass er sich für irgend ein Instrument interessiert. Man kann versuchen, ihnen gewisse Dinge schmackhaft zu machen - aber ab einem gewissen Alter sollen sie selbst entscheiden, wie sie ihre Freizeit verbringen wollen. Zwang hat wohl noch kaum je einen grossen Pianisten oder eine Olympiasiegerin hervorgebracht (auch wenn das vermutlich so auch nicht ganz stimmt...).

7. Möglichst nicht fluchen, wenn die Kinder in der Nähe sind.
Fail! Totalversagen! Die Fluchwörter, die sie nicht auf dem Pausenplatz aufgeschnappt haben, kennen meine Kinder vom Rücksitz meines Autos. Verdammte Scheisse!

8. Beide Kinder total gleich erziehen.
Das ist utopisch - und auch gar nicht nötig. Kinder sind verschieden und es ist deshalb auch vollkommen okay, sie unterschiedlich zu behandeln. Ich finde es mittlerweile in Ordnung, meinem Sohn, der nicht so versessen auf Süsses ist wie seine Schwester, mal ein Glacé mehr zu gönnen als ihr (selbstverständlich nicht dann, wenn sie in der Nähe ist). Oder meiner Tochter eine Stunde länger mit ihren Freunden als ihm, weil ich weiss, dass es bei ihr im Gegensatz zu ihm kein Hausaufgaben-Theater gibt. Und ich habe kein schlechtes Gewissen deswegen.

9. Als Eltern immer am gleichen Strang ziehen.
Auch das ist utopisch. Und auch das ist nicht nötig. Denn auch Eltern sind verschieden und haben unterschiedliche Ansichten. Und Kinder können durchaus damit umgehen. Papi sind Tischmanieren wichtiger als Mami. Also reissen sie sich mehr zusammen, wenn er mit am Tisch sitzt. Papi lässt dafür eher mal was springen, wenn man mit ihm einkaufen geht - also vermeidet kind den Einkauf mit Mami, geht bei Papi aber gern mit. Und Mami schüttelt zwar den Kopf, wenn sie wieder was total Unnützes vom Einkaufen mit nach Hause bringen, aber was solls. Das ist beim besten Willen kein Weltuntergang.

10. Immer, überall, in jeder Situation für meine Kinder da sein und sie vor allem Bösen dieser Welt beschützen.
Ich kann meinen Kindern immer zuhören, wenn sie es brauchen, mich für sie und ihre Welt interessieren, sie unterstützen und in den Arm nehmen. Aber ich bin nicht Superwoman. Ich kann nicht neben ihnen auf dem Pausenplatz stehen, wenn sie geärgert werden. Ich kann nicht verhindern, dass sie mal vom Velo fallen oder mit dem Snowboard stürzen. Ich kann ihnen keinen Streit mit dem besten Schulfreund ersparen, und auch keinen Liebeskummer. Meine Kinder müssen ihre Erfahrungen selbst machen, ihren Weg gehen. Ich muss sie loslassen. Das war meine härteste Lektion von allen in den letzten zwölf Jahren. Es wäre wohl gescheiter gewesen, ich hätte mich schon während der Schwangerschaft damit befasst statt mit unsinnigen Vorsätzen.

Im Dossier: Mehr «Der ganz normale Wahnsinn»-Blogs