Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Ein Tag im Leben von...

...Familienbloggerin Sandra C. Deren Alltag grundsätzlich nicht besonders aufregend ist. Aber seit sie einen Teil ihrer Arbeit im Homeoffice erledigt, haben einige ihrer Bekannten das Gefühl, sie trinke den ganzen Tag Kaffee (was stimmt, aber eben nicht bei Starbucks) oder sitze beim Coiffeur. Das war zwar kürzlich der Fall - genau dann, als die «Was machsch?»-SMS einer Freundin reinkam. Ihr und allen anderen sei aber gesagt: Sie musste sich diesen Coiffeurbesuch tags zuvor hart erarbeiten!
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Ruhe zu bewahren - auch wenn alles drunter und drüber geht - ist nicht immer so leicht.

Dienstag. Einer der Tage, die ich auswärts arbeite und die Kinder im Hort zu Mittag essen (was mich ein halbes Vermögen kostet und ich mich ab und zu schon gefragt habe, ob sie sich das Essen vom Sterne-Restaurant liefern lassen). Mein Wecker klingelt um 6.15 Uhr, denn meine Tochter hat Frühstunde und muss um sieben aus dem Haus (und braucht fast eine halbe Stunde, um halbwegs wach zu werden). Frühstück machen, Znüniboxen packen, Kinder auf- und rumscheuchen und schauen, dass ich selbst auch einigermassen präsentabel aussehe. Ein ganz normaler Morgen eben. Wenn ich um 8.30 Uhr ins Büro schneie und in die frischen Gesichter meiner jungen, kinderlosen Kolleginnen schaue, hab ich schon zwei Stunden Mutter-Job hinter mir.

Büro-Alltag: Schreiben, telefonieren, Meetings. Lunch am Schreibtisch, damit ich um 17 Uhr gehen kann und rechtzeitig zu Hause bin, um meinen Sohn ins Fussballtraining zu fahren. So weit, so ruhig. Bis um 15 Uhr mein Handy klingelt, schluchzendes Kind am anderen Ende: Meine Tochter hatte die grandiose Idee, sich im Sport-Unterricht an den Basketballkorb hängen zu wollen und ist natürlich runtergefallen. «Und jetzt wird mein Fuss immer dicker und blauer und ich kann fast nicht laufen.» - «Wo bist du?» - «Zu Hause.» - «Und wie bist du nach Hause gekommen?» - «Mit dem Velo.» - «Laufen geht nicht, aber Velofahren schon?» - «Ja» - schluchz, heul - «Es tut soooo weh!» - «Ok. Leg dich hin, tu einen Eisbeutel drauf, ich komme, so schnell ich kann.» Terminkalender checken.

Meeting um 16.30 Uhr. «Könnt ihr das ohne mich machen? Ich muss weg, meine Tochter hat sich verletzt. Ich nehme alles mit, was noch offen ist, ihr habts bis morgen, versprochen.» Zwei Texte, diverse Mails - das wird ein langer Abend.

Beim Aus-dem-Büro-Rennen die Kinderarzt-Praxis anrufen, ob wir kurz vorbeikommen können. «Das geht leider nicht, zu viel zu tun. Gehen sie in den Notfall.» - «Aber da muss ich stundenlang warten. Sie können doch ganz kurz nachschauen, ob der Fuss gebrochen ist oder nicht.» - «Tut mir leid, geht nicht!» Na, schönen Dank auch. Hab ich nicht kürzlich gelesen, man gehe heutzutage wegen jeder Bagatelle in die Notaufnahme, dieser «Trend» verursache hohe Kosten und man solle doch bitte wieder vermehrt zum Hausarzt gehen? Tja... Anruf bei Kinderarzt Nummer zwei. «Welcher Fuss ist es?» - «Äääääh - keine Ahnung, ich bin noch nicht zu Hause.» Rabenmutter!!! Mein Kind leidet Höllenquallen, und ich bin nicht da! «Schauen Sie, ob sie draufstehen kann, wenn Sie zu Hause sind», sagt die nette Dame. «Ich nehme an, der Fuss ist verstaucht, da kann man eh nicht viel machen. Kühlen, einbinden, hochlagern.»

Endlich zu Hause. Der Fuss - es ist der linke - sieht wirklich zum Fürchten aus (aufs Doppelte angeschwollen und knallblau), aber sie kann draufstehen. Also schnell in die Apotheke, alles Nötige besorgen. Auf dem Weg dahin komm ich am Coiffeursalon vorbei. Ich hab vorhin der Flasche Weisswein widerstanden, die mir aus dem Kühlschrank «Stresssituation - es ist okay!!!» entgegenschrie und auch dem angefangenen Pack Chips im Handschuhfach (Überbleibsel einer vorherigen Stresssituation). Jetzt kann ich nicht mehr widerstehen und buche einen Termin für Mittwochvormittag (gibt 10 Prozent Vormittags-Rabatt, weil da sonst nur Rentner und Hausfrauen Zeit haben). Der Besuch muss allerdings genau getimt sein, denn mittags muss ich zu Hause sein, wenn die Kinder von der Schule kommen (Gelobt seist du, oh Land ohne Ganztagesschulen).

Und nochmal kurz überlegen: Wenn ich morgen zum Coiffeur will, muss ich heute Abend all mein Büro-Zeugs erledigen. Und den Blog schreiben. Das ist zwar viel, aber machbar. Muss ja nur den Junior ins Training chauffieren und wieder abholen, sonst nichts. Ich krame in meiner Tasche nach dem Einkaufszettel für die Apotheke. Dabei fällt mir ein gelbes Post-it in die Hände, auf dem steht «Kinder Znacht vor Info-Abend!» WTF? Info-Abend? Info-Abend! Scheissescheissescheisse! Der Oberstufen-Info-Abend. Heute. Problem eins: Ich kann meinen Sohn nicht vom Training abholen (und zum Laufen ists zu weit). Problem zwei: Die Kinder müssen vorher noch gefüttert werden - und die Kaninchen auch -, und der Kühlschrank ist leer. Also fast - aber für Weisswein sind sie definitiv noch zu jung. Problem drei: Mein Baby ist schwer verletzt und braucht 24-Stunden-Rundumbetreuung, Tee, frische Verbände und jeden Wunsch von den Lippen abgelesen! Problem vier: Das wird eine lange Nacht, wenn ich erst nach diesem Info-Dings mit der Arbeit anfangen kann. Aber hingehen muss ich, schliesslich gehts um die Zukunft meiner Tochter.

Also einmal mit dem Handy am Ohr (um jemanden für den Nach-Hause-Transport vom Junior zu organisieren) durch den Coop und irgend etwas Essbares besorgen. Und jetzt nichts wie nach Hause. Aber da war doch noch was. Die Apotheke! Also nochmal umkehren. Am Coiffeur vorbei, am Schuhladen...«Stresssituatioooooon»... vorbei. Verband anlegen, Essen auf den Tisch, Hausaufgaben kontrollieren (normalerweise eine langwierige Angelegenheit, denn sie sind nie vollständig gemacht. Aber heute ists egal), Sohn ins Fussballtraining fahren, Info-Abend. Saustall in der Küche ignorieren, Verband neu anlegen, Kinder zum Zähneputzen zwingen, ins Bett bringen, Saustall in der Küche ignorieren, Computer anwerfen. Es ist weit nach Mitternacht, als ich ihn ausschalte. Aber morgen ist Homeoffice-Tag. Und ich habe mir die Freiheit genommen, am Vormittag zum Coiffeur zu gehen. Was hab ich doch für ein beschauliches Leben.

Übrigens: Meine Kinder haben durchaus auch einen Vater. Der war aber - Murphys Law - gerade beruflich im Ausland.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.