Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Warum brauchen wir einen Hashtag, um aufzuschreien?

Unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei erzählen derzeit in den sozialen Medien Hunderte von Schweizerinnen von sexistischen Erlebnissen im Alltag. Durchaus eine Möglichkeit, um darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen auch hierzulande tagtäglich mit Sexismus konfrontiert werden. Trotzdem findet Familienbloggerin Sandra C. dieses Hashtag-Ding irgendwie schräg. Haben Frauen nicht genug Selbstbewusstsein, um sich auch im «echten» Leben zu wehren?
Sexismus Schweiz heute #SchweizerAufschrei Blog
© Getty Images

Familienbloggerin Sandra C. fordert, sich mehr zu wehren - und notfalls auch mal auszuteilen. (Symbolbild)

Nein, ich fand es keine Lappalie, als ein Klassenkamerad meiner Tochter an den Hintern griff, was sie zutiefst verstörte. Was ich mir wirklich gewünscht hätte? Das sie dem guten Jungen eine schallende Ohrfeige verpasst. Fast noch weniger lustig fand ich, als mich der Vater einer Klassenkameradin meines Sohnes anrief, und sagte, mein Jüngster hätte seiner Tochter auf dem Pausenplatz den Rock hochgezogen. Ich war sehr erleichtert, als sich herausstellte, dass es andere Jungs gewesen waren und mein Sohn nichts damit zu tun hatte. Denn auch wenn meine oberste Maxime ist, meine Kinder niemals zu schlagen - wenn mein Sohn jemals ein Mädchen gegen seinen Willen anfasst, hau ich ihm eigenhändig eine runter. Egal wie alt er ist.

Jemanden gegen dessen Willen anfassen geht nicht - egal, ob Mann oder Frau, ob Bub oder Mädchen. Es geht nicht. Nie! Egal, was sie oder er anhat. Egal, wie sie oder er sich benimmt - oder man glaubt, dass sie oder er es tut. Nein heisst nein. Und zwar immer. Nicht ja. Und auch nicht vielleicht. Nein heisst auch nein, wenn man «vorher ein bisschen mitgemacht hat», Frau Geissbühler! Nein heisst nein, auch wenn man sich selbst für Gottes geilstes Geschenk an die Welt im Allgemeinen und an die Frauen im Besonderen hält (und nein, Mister Trump, ich habe noch NIE eine Frau sagen hören, sie könne jedem beliebigen Typen jederzeit an den Schwanz langen (excuse my french!), sie sei ja schliesslich reich und berühmt). 

Sexismus ist Alltag. Auch bei uns. Wer in unserem Land Geld veruntreut, wandert unter Umständen länger ins Gefängnis als wenn er eine Frau vergewaltigt. (Acht Jahre wegen Betrugs für den ehemaligen Buchhalter eines Grosskonzerns, aber ein erwiesenermassen therapieresistenter Sexualstraftäter, der sich an kleinen Mädchen verging, kommt nach fünf Jahren raus.) Klar, Kohle ist wichtiger als sexuelle Selbstbestimmung von - nicht nur, aber vor allem - Frauen und Mädchen. Was für ein Armutszeugnis für dieses Land. Und dass Umfragen zufolge viele junge Frauen verbale und körperliche sexuelle Übergriffe im Alltag als normal empfinden, ist schlichtweg schockierend.

Es ist also sicher richtig, dass auf Sexismus im Schweizer Alltag aufmerksam gemacht und darüber diskutiert wird. Trotzdem kommt mir dieses Hashtag-Dings ein kleines bisschen schräg rein. Klar, ich war bei all den getwitterten Situationen nicht dabei, und vielleicht tu ich den Twitterinnen ja unrecht. Aber ich frage mich schon, warum frau denn die jeweilige Situation stumm über sich ergehen lässt, und sie erst Stunden - oder gar Jahre - später mit Hashtag versehen anklagend in die Welt hinausposaunt.

Als halbwegs selbstbewusste Frau kann man doch einem sexistischen Arschloch zu verstehen geben, dass seine Aussagen nicht besonders originell und sein Denken von einem Niveau sind, bei dem man sich nur wundern kann, dass es Leute gibt, welche auf diesem zu kommunizieren bereit sind.

Warum tun wir das nicht? Warum wehren wir uns per Hashtag und nicht im Alltag? Wovor haben wir Angst? Dass wir als humorlose Zicken dastehen? Dass wir uns die paar Chancen, die wir haben, noch verbauen, wenn wir den Herren der Schöpfung nicht nach dem Maul reden, und brav über ihre doofen Witze lachen? Dann wird es höchste Zeit, dass sich das ändert. 

Dass meine Tochter mit ihren zwölf Jahren irritiert ist, wenn sie begrapscht wird, und nicht weiss, wie sie reagieren soll, ist nachvollziehbar. In ihrem Umfeld werden Frauen und Mädchen normalerweise mit dem gleichen Respekt behandelt wie Männer und Jungs. Sie wäre niemals auf die Idee gekommen, dass ihr jemand ungefragt an den Hintern greift - genauso wie sie niemals auf die Idee käme, dies selbst zu tun. So sollte es eigentlich sein. Aber nun, da es passiert ist, weiss sie, dass sie sich ich solchen Situationen wehren darf - nicht nur darf, sondern muss. Und sie weiss, dass nichts - kein Mann und kein Job dieser Welt - es Wert ist, sich blöd anmachen oder gar erniedrigen zu lassen.

Wir erwachsenen Frauen wissen das doch eigentlich auch. Warum zeigen wir das dann nicht? Direkt und ohne Hashtag? Eine virtuelle Ohrfeige schmerzt nämlich nicht so richtig. Eine echte - auch eine verbale - hinterlässt immer noch mehr Eindruck. Denn je mehr Männer die Erfahrung machen, dass auf sexistische Sprüche und entsprechendes Verhalten reagiert wird, desto weniger werden sie damit hausieren.

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.