Der ganz normale wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn

Kids und Job unter einen Hut bringen? Easy! Oder doch nicht?

Null Plan dank Wochenplan

Sandra C. ist beileibe keine Anhängerin der «Früher war alles besser»-Parolen. Aber was die Hausaufgaben ihrer Kinder betrifft, lässt sie sich doch manchmal zu entsprechenden Aussagen verleiten. Denn die Familienbloggerin verbringt zuweilen einen Grossteil ihrer Zeit damit, ihren Nachwuchs bei den Hausaufgaben zu unterstützen - wenn sie denn selbst überhaupt drauskommt.
Wochenplan Schweiz Schule Kinder pro und contra Familienblog
© Getty Images

Der Unterricht heute ist nicht mehr derselbe wie früher.

Der letzte Elternabend in der Klasse meines Sohnes wird vermutlich in die Annalen eingehen. Ich habe selten so viele aufgebrachte und ratlose Eltern in einem Raum gesehen. Und die Lehrer taten mir fast ein bisschen Leid, da sie sich und ihr System (das ja nicht ihre Idee war) gegen so viel Widerstand verteidigen mussten. Der Grund für all dieses böse Blut nennt sich ADL, altersdurchmischtes Lernen. Seit dem Sommer besuchen meine Kinder altersdurchmischte Klassen, in denen Viert-, Fünft- und Sechstklässler parallel unterrichtet werden.

Gearbeitet wird mit einem Wochenplan, der in den Grundzügen für alle gleich aussieht. Abweichungen gibts natürlich bei den Lernzielen, die für Sechstklässler anders sein müssen als für Viertklässler, und je nachdem auch beim Stundenplan. So haben die Viertklässler noch kein Französisch, dafür eine Stunde mehr Englisch als die beiden anderen Klassen. Die Viertklässler sind also in zwei Englischklassen eingeteilt, eine in ihrer Altersklasse und in einer Altersdurchmischten, gemäss ihrem Können. Hausaufgaben sollen von den Zehn- bis Zwölfjährigen selbstständig in den Wochenplan eingetragen werden, sie sollen selbst entscheiden, was sie wann lernen - und das entsprechende Material jeweils mit nach Hause nehmen - und am Freitag alles abgeben. Grundsätzlich sollten Vierklässler 40 Minuten Hausaufgaben machen pro Tag, Fünftklässler 50, Sechstklässler 60.

So weit, so gut, und ich sehe je länger je mehr einige Vorteile in diesem System. Meine Kinder sind zwar nicht in der gleichen Klasse, haben aber öfter am gleichen Tag Prüfungen zum gleichen Thema, die Grosse hat einfach ein paar Lernziele mehr. Ich kann also mit beiden zusammen lernen, oder sie üben gemeinsam, wovon beide profitieren.

Für meine Tochter funktioniert das ganz gut. Sie weiss, was sie wann können und abgeben muss, bittet um Hilfe, wenn sie welche braucht, und wenn sie - was oft passiert - mit ihrem Passwort nicht auf die Online-Plattform kommt, auf der sie Franz- und Englisch-Voci üben soll, ruft sie eine Freundin an, die ihr das Ganze kopiert und zuschickt. 

Aber dann gibts ja auch noch Kinder wie meinen Sohn. Der ist total verloren. Und mir gehts ehrlich gesagt manchmal nicht viel anders. Ich sehe mir diesen Wochenplan an und diese Arbeitsblätter, sehe Zahlen und Abkürzungen und verstehe nur Bahnhof. Am Schlimmsten ists mit Englisch. Da er in zwei verschiedenen Klassen ist, kann er mir meistens nicht mal sagen, welche Lehrerin für welche Prüfung zuständig ist, geschweige denn, wo man den Stoff findet, den er können müsste. Natürlich darf man in der Schule davon ausgehen, dass die Kinder halbwegs mitbekommen, was gesagt wird, und sich auch mal das eine oder andere aufschreiben. Aber das Hirn meines Sohnes - und ich gehe davon aus, dass er da bei weitem nicht der einzige ist - funktioniert sehr selektiv. Er merkt sich nur wichtige Dinge. Zum Beispiel, wann es Pizza zum Mittagessen gibt. Englisch wird erst wichtig, wenn die Prüfung kurz bevorsteht. Und da kramt er dann irgendwas aus seinem Rucksack und vermutet, das sei wohl das, was er können müsse. Meistens handelt es sich dabei um ungefähr vier Vokabeln.

Ich versuche dann also, die Lehrerin ausfindig zu machen, die für die Prüfung zuständig ist, und an Informationen über den Stoff zu kommen, und hoffe, das klappt in halbwegs nützlicher Zeit. Wenn er nämlich den richtigen Stoff übt, ist er meist relativ rasch durch und hat eine gute Note. Leider kommts immer wieder vor, dass wir das Falsche üben, und die Note ist dann entsprechend frustrierend. Bei den Hausaufgaben ists oft ähnlich. Ich verbringe meine Nachmittage nicht damit, meinem Sohn den Stoff zu erklären - das kapiert er selbst - sondern herauszufinden, was er überhaupt machen und können muss und wo ich diesen Stoff finde. Und mir ists langsam peinlich, immer und immer wieder die Lehrer zu fragen - die ja grundsätzlich nichts für die selektive Wahrnehmung meines Juniors können. 

Ich weiss, man will mit diesem System die Selbstständigkeit der Kinder fördern und versucht, mehr auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen. Aber gerade Letzteres funktioniert halt bei Klassen mit 24 Kindern nur sehr bedingt. Und wenn man ein Kind wie meinen Sohn hat, hat man genau zwei Möglichkeiten: Entweder man überlässt ihn sich selbst und den Lehrern, die vermutlich angesichts seines demonstrativen Desinteresses irgendwann aufgeben, auch wenn sie wissen, dass die regelmässigen schlechten Noten nichts mit dem zu tun haben, was er tatsächlich weiss und kann. Oder man investiert täglich sehr viel Zeit und Energie darin, ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Was bedeutet, dass all das, was ich in der Zeit machen müsste, in der ich versuche, mit den Hausaufgaben meines Kindes klarzukommen - Haushalt, Job, Freizeit (hahaha!) - auf spätabends oder aufs Wochenende verschoben werden muss.

Früher haben die Lehrer heute die Hausaufgaben für morgen an die Tafel geschrieben und man hat sie abgeschrieben. Für Prüfungen gabs Übungsblätter und Bücher mit Seitenzahl-Angaben, und wer das im Griff hatte, hats gekonnt. Ob das besser wäre? Vielleicht nicht. Aber momentan würde es mein Leben um einiges einfacher machen.

PS: Das ist im Fall ein reiner Tatsachenbericht, kein Gejammmer - oder nur ein ganz kleines bisschen ...

Im Dossier: Alle «Der ganz normale Wahnsinn»-Beiträge von Familienbloggerin Sandra C.