My awesome Life in Hollywood

My awesome Life in Hollywood

Neustart vor 30! Oder wie eine Rheintalerin nach Los Angeles kommt.

«Switzerland?» - «Oh, Sweden!»

Alles hinter sich lassen. Auf ins Abenteuer. Wer hat nicht auch schon davon geträumt, in einem anderen Land neu anzufangen? Die Ostschweizerin Jasmin Gruber hat ihre Zelte 9552 Kilometer weit weg aufgeschlagen. Und während die Journalistin ihre neue Heimat Los Angeles bereits bestens kennt, gehts den Amis umgekehrt nicht ganz so...

Mein Leben passt in drei Koffer. Und einer davon ist klein. Während andere in meinem Alter heiraten, Kinder kriegen und bereits sesshaft sind, packe ich kurz vor meinem 30. Geburtstag meine drei Koffer. Es zieht mich in die Stadt der Schönen und Reichen, des Glamours, dorthin, wo das ganze Jahr über die Sonne scheint und wo Träume, so scheint es, noch wahr werden.

Los Angeles. Hier gibt es wohl mehr Paparazzi als Schuhverkäufer. Nirgends leben mehr Stars wie in der Stadt der Engel. Kim Kardashian geht in Beverly Hills fast tagtäglich shoppen, Justin Bieber lässt in den Nachtclubs die Sau raus und Angelina Jolie versteckt sich gerade mit ihren Kids in den Hollywood Hills. Und hier wohne ich nun also. Tür an Tür mit den Stars sozusagen.

Ich war schon an vielen Orten der Welt, doch nirgends scheinen die Leute so freundlich zu sein wie in Kalifornien. In der Schweiz grüssen einen auf der Strasse die wenigsten. Früh morgens sitzt man gelangweilt und mürrisch im Zug, der Blick starr aufs Smartphone. Hier? Die Verkäuferin an der Kasse scheint die beste Freundin zu sein. Auch wenn es nur oberflächliches Getratsche ist, verlässt man den Laden mit einem Lächeln. Davon können wir uns in der Schweiz noch ein grosses Stück von abschneiden.

Und kaum steht man eine Minute alleine am Strassenrand, kommt ein besorgter Bürger fragen, ob man okay sei. Und jeder will natürlich immer gleich wissen, woher ich komme. Meinem Akzent sei Dank. Wenn ich dann mit «Switzerland» antworte, tönt es von 9 von 10 Amis: «Oh, Sweden!». Am Anfang noch habe ich immer korrigiert. Schweiz, nicht Schweden. Aber das wird einem dann irgendwann zu blöd.

Milch von Schweizer Kühen aus Texas

Obwohl kaum jemand den Unterschied zwischen den beiden Ländern kennt, prahlt man hier überall mit der Marke «Swiss». In den Supermärkten gibt es Unmengen von Schweizer Käse im Angebot. «Baby Swiss», «Aged Swiss», «Natural Cheese Swiss». Hinten steht jeweils kleingedruckt: «Made In America». Auch Milch von unseren Kühen gibts in den Regalen. Von Schweizer Kühen aus Texas? Klar.

«La vache qui rit» heisst hier «The Laughing Cow». Auf jeder Packung der lachenden Kuh prangt ebenfalls in grossen Buchstaben «Swiss». Dumm nur, dass der Schmelzkäse von der Firma «Fromageries Bel» aus Frankreich stammt.

Ich wollte von einem Mitarbeiter der grossen Supermarktkette «Ralph's» wissen, ob es hier auch typisch schweizerische Produkte gibt. «Of course», sagt er mit einem triumphierenden Lächeln und führt mich zu «Swiss Miss». Der Klassiker aus der Schweiz, sagt er stolz. Heisse Schokolade mit Marshmallows. Mhm, typisch schweizerisch. Ass ich in der Schweiz täglich.

Kalorienbomben vs Salat

Hier ist alles etwas mehr Schein als Sein. Und alles ist auch immer etwas grösser. Was hier in den Supermärkten als normale Produkte angepriesen wird, würde in der Schweiz glatt als Megapack für einen 10-Personen-Haushalt durchgehen.

Bei uns in der Schweiz lachen einen Gemüse und Früchte an, wenn man in ein Lädeli geht. Hier wird man beim Betreten eines Supermarktes von Riesen-Cupcakes und 10'000-Kalorien-Torten angelächelt. In allem, wirklich allem (Milch, Brot, Salat) hats Unmengen von Zucker drin. Und von all den Fast-Food-Ketten fange ich erst gar nicht an.

Die Uhren ticken anders

Auf dem Highway ist hier täglich die Hölle los. Nie mehr werde ich mich in der Schweiz über Stau beklagen, nie mehr!!! Für eine Strecke, die normalerweise 30 Minuten dauert, braucht man hier in der Rush Hour locker mal zwei Stunden. Trotz siebenspurigen Autobahnen.

Ich muss dringend einen Weg finden, meine innere Schweizer Uhr zu begraben. Denn die Uhren ticken anders hier. Pünktlich zu erscheinen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. «Sorry, traffic was horrible!» Das Haus früher zu verlassen, kommt den meisten dennoch nicht in den Sinn.

Bis jetzt habe ich mich nie als typischen Bünzli bezeichnet. Im Gegenteil. Doch in mir scheint mehr Schweizerin zu stecken, als ich gedacht habe. Hier nimmt man es weder mit der Pünktlichkeit, noch mit den Versprechen genau. Was man morgen kann besorgen, besorgt man übermorgen.

Und dennoch ist hier in L.A. natürlich alles total «awesome». Dieses Wort fällt in fast jedem Satz, wenn man mit Einheimischen spricht. Es scheint, als wär jeder hier unglaublich glücklich. Und auch wenn das ganz sicher nicht der Fall ist, ist es dennoch ansteckend. Trotz der kulturellen Unterschiede - bei 40 Grad im Oktober, Sonne en masse und lauter strahlenden Gesichtern finde auch ich es hier «totally awesome»!

Im Dossier: Weitere Blogs