Blog Neues Leben am Kap - voller guter Hoffnung

Neues Leben am Kap - voller guter Hoffnung

Ein Schweizer wandert aus. Und sucht sein Glück in Südafrika.

Ein Jahr ist es her

Auswanderer Sacha von der Crone ist nun schon seit einem Jahr in Südafrika - Zeit für eine kurze Zwischenbilanz.

Die dunklen Wolken aus der Vorwoche sind noch kurz geblieben. Im hintersten Teil unseres privaten Gartens, in einer Ecke, die wir selber zum Glück gar nicht nützen und höchstens von Fynn als «Pinkel-Zone» benutzt wird, war plötzlich nass. Sehr nass. Wasser überall. Barbara ist sich sicher: Es riecht nach Abwasser. Ich nicht. Kommt das Wasser vom Nachbarn? Ist es vielleicht Grundwasser? 

Wir sind die unterste Parzelle an einem ziemlich steilen Hügel. So entwickelt sich zwei Tage später doch schon ein beachtliches Rinnsal. Was sollen wir tun? Eilig heben wir einen kleinen Graben aus und lenken das Problem einmal Richtung Nachbar. Am frühen Morgen ist es aber jeweils trocken. Komisch. Von uns kann das Wasser auf jeden Fall nicht sein. Keine Frischwasser-, keine Abwasser- und auch keine Poolwasser-Leitung führt hier durch. Gerade in diesem Moment schreibt jemand auf Facebook: Wenn man Probleme mit Wasserleitungen - egal ober Frisch- oder Abwasser habe, komme die Gemeinde kostenlos vorbei und behebe das Problem. Das sei in ihrem Zuständigkeitsbereich.

Also: Nach Kapstadt anrufen. Es ist zwar schon kurz vor fünf Uhr abends, als wir das Problem melden. Tatsächlich bekommen wir sofort eine Referenznummer und innerhalb von 24 Stunden soll jemand vorbeikommen. Wir sind zufrieden, gehen auswärts essen mit Freunden und warten am anderen Tag auf die Gemeindemitarbeiter. Vergeblich. Irgendwann verliert Barbara die Geduld und ruft nochmals an. Es wird uns mitgeteilt, dass sie zwei Stunden nach unserem Anruf abends kurz nach sieben bei uns waren, es habe aber niemand geöffnet. Nun gut. So schnell und abends nach sieben haben wir auch niemanden mehr erwartet. Auf jeden Fall kommen die Mitarbeiter tags darauf nochmals vorbei. Sie finden das Problem bei einer Abwasserleitung in der Nachbarschaft. Sie beheben es und kehren für einen abschliessenden Rapport nochmals zu uns zurück. Alles schnell, kompetent und eben kostenlos erledigt.

Und somit sind auch die letzten dunklen Wolken verzogen. Es ist nun Frühling und mit deutlich über 20 Grad auch draussen sehr gemütlich. Genau ein Jahr ist es nun her, seit unsere Reise und unsere Auswanderung begann. Wir feiern Jubiläum. Endlich können wir nun mitreden und sagen: «Letztes Jahr war es aber...» Und - wir haben unseren Schritt bis heute nicht bereut. Natürlich gab es mal Momente, als uns einiges auf die Nerven ging. Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, dass immer mal wieder etwas nicht funktioniert oder einfach so kaputt geht. Wir wachsen aber an diesen Herausforderungen und können schon unglaublich vieles selber reparieren. Nun haben wir wohl jede Ecke und jedes Problem auf dem kompletten Grundstück im Griff und erkannt. Draussen wie auch drinnen. Wir haben uns schnell an ein langsameres Leben gewöhnt und geniessen die damit verbundenen Freiheiten. Gleichzeitig staunen wir aber auch, wie viel hier fortschrittlicher verläuft. Alles ist «trackbar»: Der eingeschriebene Brief kann online verfolgt werden, die Rückantwort auch, das Anliegen bei der Stadt kann per SMS mittels Referenz-Nummer nachgefragt werden.

Wir haben es uns aber auch sicherlich einfacher vorgestellt, neue Freunde zu gewinnen. Andererseits haben wir wertvolle Kontakte geknüpft und mit einem vollen Haus über ein halbes Jahr lang auch genügend Betrieb, um anschliessend ruhigere Momente im Winter zu geniessen. Wir haben uns sicherlich noch nicht daran gewöhnt, welche sozialen Extreme dieses Land bietet und welche Probleme vorhanden sind. Schwarze und Weisse sind auch heute noch nicht vereint. «Arm und Arm» und «Reich und Reich» schon eher. Korrupte politische Geschehnisse, an die gewöhnt man sich als Schweizer wohl nie. Gleichzeitig eine unglaubliche Toleranz und Zusammengehörigkeit zu verspüren, das fällt leicht und erstaunt einen Schweizer wohl ebenso. Wir amüsieren uns über so viel Nichtwissen der Einheimischen. Alles, wirklich alles, wird auf Facebook erfragt. Und da sind Fragen darunter, die bei uns nur Kopfschütteln verursachen und wir uns fragen: Wieso wissen die das nicht? Aber eben, man löst das Problem in der Community - gemeinsam. Und gibt Erkenntnisse noch so gerne weiter, um zu helfen. Das fehlt in der Schweiz bestimmt. Und dann ist ja doch noch Fynn - auch wir drei feiern Jubiläum. Vor einem Jahr trafen wir uns zum ersten Mal. Sein Aufwachsen ist Sinnbild für unser neues Leben.

Man liest sich!

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