Notabene Chris von Rohr «Lasst die Lehrer in Ruhe!»

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, schreibt in seiner neuesten Kolumne über Lehrpläne und Lehrer und den Wert der Schule für Kinder.

Es war ein bewegender Moment für mich und meine Tochter, als sie sich von ihrem Lehrer verabschieden musste. Er hatte mir gezeigt, in welchem Masse eine gute Lehrperson bei Kindern Spuren zu hinterlassen vermag.

Wer heute ein Lehrerleben führen will, sollte ausgerüstet sein mit der Gelassenheit Buddhas und dem Fleiss einer Ameise (eine Lehrkraft, die schlampt, kann Lernerfolg verhindern). Dazu muss sie die Flöhe husten hören und in jeder Situation lachen können.

Wenn es morgens nach acht läutet, geht die Post ab. Die Schulhaustür spickt auf, und die Jungmannschaft quillt lärmend in die Gänge. Kaum ein Kind betritt sein Klassenzimmer, ohne zu plappern. Sie quasseln und wuseln herum, und mindestens fünf versuchen gleichzeitig, der Lehrerin mitzuteilen, dass sie die Aufgaben vergessen haben, noch aufs Klo müssen oder unter einem Bienenstich leiden. Eines jammert über ein gemeines Gschpänli oder eine zerquetschte Banane. Ein anderes hat einen verklemmten Reissverschluss an der Jacke... In einer Schulklasse kommen sie alle zusammen: das mit der grossen Klappe, der weinerliche Rätschibäse und der Abwesende, der nie etwas merkt. Hier muss die Unternehmensleitung der Klasse einsteigen und die Aufmerksamkeit von Schulwegspielen, Geburiparty-Einladungen und hübschen Frisuren weg zum Schulbetrieb lenken. Dazu ist ein gewisses Mass an Show- und Kommunikationstalent dienlich. Steife Figuren oder unflexible Kopfmenschen sind da arm dran. Persönlichkeiten sind gefragt, die Verantwortung und Führung übernehmen wollen und dürfen.

Das Lernen sollte so strukturiert und logisch aufgebaut sein, dass die Schüler mitkommen, sich hineinschrauben und allmählich steigern können. Idealerweise wird der Stoff so angewendet, dass die Kinder einen lustvollen Zugang aus ihrer Welt haben und im Gwunder stimuliert sind. Der «Laden-abe»-Zustand sollte unbedingt verhindert werden. Heute, wo kaum mehr Kleinklassen existieren und Kinder verschiedenster Kulturen das Klassenbouquet noch bunter und herausfordernder machen, muss die Lehrerschaft wach und präsent sein, um jedes im Auge zu behalten. Ist der Hänger doch da, ist umgehend der Draht zum Kind zu suchen, um es wieder aufzufangen.

Schule ist pulsierendes Leben



Nach Schulschluss bereiten engagierte Schulhausgeister dann mit den Eindrücken des Tages das individuelle Lernmenü für die weiteren Schritte vor, passen an, ergänzen, verfeinern. Möglicherweise holen sie dazu noch einige Eltern ins Boot, tauschen sich aus.

Schule ist pulsierendes Leben. Dort werden Weichen gestellt. Gelingt es den Meistern der Schule, dem Kind die Welt ganzheitlich mit allem, was dazugehört, als eine wunderbar spannende Sache zu erklären und vorzuleben, dass Aggression, Ausgrenzung und Stur-heit untaugliche Lösungswege sind, dann haben wir möglicherweise einen Amokläufer weniger. Denn Schule bleibt in Erinnerung. Wenn man junge Menschen fragt, was ihnen Mut oder Ohnmacht bereitet hat, werden oft Lehrerkommentare genannt. Bemerkungen, die vermutlich von diesen gar nicht richtig registriert oder bloss dahergesagt wurden. Ein Mittelstufenschüler schrieb mir kürzlich, sein Lehrer habe zu ihm gesagt, er glaube an ihn. Jetzt gebe er sich viel mehr Mühe und sei motiviert.

Statt über Kompetenzen, Lehrpläne oder Frühfranzösisch zu philosophieren, sollte das Heer von Experten, die weit weg von Schulstuben, oft über die Köpfe der Bürger hinweg, entscheiden, endlich dafür sorgen, dass die am besten geeigneten Menschen unserer Gesellschaft für den Lehrerberuf begeistert werden. Denn sie sind die Schlüsselfiguren! Also, lasst die Lehrer in Ruhe, und ebnet den Youngsters, die diese Berufung spüren, den Weg – mit einer praxisbezogenen Lehre für Grundschullehrer. So wie früher an den Seminaren: Eine kurze Allgemeinbildungsphase, dann ab zum Praktikum in die Schule (welche Praktikanten sehr gut gebrauchen kann)! Und dann gebt den Lehrern und Schulleitern – bei aller Kontrollitis und Professionalisierung-ihre Selbstständigkeit zurück. Weg mit dem Methodenzwang von ganz weit oben! Am Schluss müssen eh die Lehrer, Kinder und Eltern ausbaden, was der Reformdrang abgehobener Bildungstechnokraten in der Schule anrichtet.

Meine Tochter hat in all den Jahren die Freude und Neugier am Lernen behalten. Das wünsche ich mir für alle Kinder. Ich habe ihrem Lehrer eine goldene Schallplatte anfertigen lassen, mit der Inschrift: Für unzählige wertvolle, intensive Schulstunden und herzvolles Lehren und Unterstützen. Er hat diese Auszeichnung verdient, er ist Gold wert!

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