«Senkrecht» mit Natascha Knecht Stress, das neue Statussymbol

Für Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, gehört das Jammern über Stress zum Lieblingssport der Schweizer. Vorgetäuschter Stress kann sogar manchmal praktisch sein, findet sie.

Das Jammern über Stress entwickelt sich zum neuen Lieblingssport der Schweizer. Jeder kennt Stress, jeder hat Stress. Und wer keinen hat, macht sich welchen. Wir machen uns sogar Stress, um keinen Stress zu haben. Doch was heisst schon Stress?

Soeben rief meine liebe Freundin Iris an. Sie hat Stress mit ihrem Freund. Weshalb? «Ach, wegen nichts!» Gestern hatte sie Stress, weil sie im Büro seit Monaten kaum zu tun hat. Dann tauchte der Chef auf, und sie täuschte sofort vor, in Arbeit zu versinken. Weil sie fürchtete, er merke es, geriet sie dramatisch in Stress. Zum Glück war der Chef auch im Stress und merkte nichts.

Für Herz und Kreislauf mag Stress schädlich sein. Für die Psyche ist er ein Segen. Er wirkt sich wie Schmierseife auf unser seelisches Wohlbefinden aus. Wenn wir über Stress jammern, befriedigen wir zwei menschliche Grundbedürfnisse simultan: Einerseits werden wir von allen verstanden, bekommen Zuwendung. Gleichzeitig sichern wir uns Anerkennung, denn Stress suggeriert: Ich bin gefragt, ich bin wichtig, ich bin super. Stress ist zum Statussymbol geworden: Je mehr ich habe oder zu haben vorgebe, desto höher ist mein soziales Ansehen.

«Mir ist total langweilig, darum schleiche jetzt ein bisschen durch den Volg»

Gestressten Menschen begegnen wir unterwürfig. Am Telefon fragen wir als Erstes: «Bist du gerade im Stress? Störe ich?» Meistens stören wir nicht. Der Angerufene freut sich sogar, dass das Telefon endlich mal klingelt. Aber zugeben möchte er das nicht. Also sagt er charmant: «Ich bin zwar grausam im Stress, aber für dich nehme ich mir selbstverständlich Zeit.»

Entspannte Menschen fallen dagegen negativ auf. Letzte Woche war ich in einem göttlich ruhigen Bergtal und traf im Volg zwischen Strohballen, Gummistiefeln und günstigem Wein einen alten Bekannten im Rentenalter. «Wie geht es dir?», fragte ich. «Ach, halt immer etwas im Stress», antwortete er, obwohl er nicht danach aussah. Aber was hätte er sonst sagen sollen? «Mir ist total langweilig, darum schleiche jetzt ein bisschen durch den Volg»?

Vorgetäuschter Stress kann in vielen Situationen praktisch sein. Zum Beispiel hatte mich Iris am Wochenende gefragt, ob ich ins Kino komme. Ich wollte den Abend aber lieber gemütlich zu Hause verbringen. Darum sagte ich einfach: «Ich habe keine Zeit, bin im Stress wegen der Kolumne für die Schweizer Illustrierte.» Diese Entschuldigung akzeptierte sie sofort. Hätte ich zugegeben, dass ich keinen Bock auf Kino habe, wäre eine stressige Diskussion losgegangen.

Natürlich gibt es längst eine Anti-Stress-Bewegung: Die Leute folgen dem Auszeitboom, fahren in die Berge oder ins Naherholungsgebiet. Aber nicht etwa an stille, einsame Orte. Sie strömen zu den Hotspots. Bei den Seilbahnen stehen sie an, die Bergbeizen sind überfüllt und stinken nach Pommes frites. Auf den Wanderwegen nerven Biker und Hündeler. Im Winter herrscht auf den Skipisten Dichtestress – ebenso im Zug, im Postauto und auf der Autobahn. Wer uns vor Stress warnt, nimmt uns nicht ernst, bedroht unseren Sozialstatus. So drehen wir hamstermässig in unserem Stressrad. Und werden glücklich dabei. Rundum glücklich.

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