«Senkrecht» mit Natascha Knecht Eine Villa für 10' 000 Schritte

Natascha Knecht, 46, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, hat eine Idee, wie sie ganz schnell zur Millionärin werden kann. Man muss nur rechnen und sich ein bisschen bewegen.

Endlich ist meine Existenz gesichert: Ich werde bald Millionärin sein! Seit diesem Sommer bieten die ersten Schweizer Krankenkassen Programme an, mit denen ihre Mitglieder gutes Geld verdienen können. Für 10'000 Schritte pro Tag erhalten wir 40 Rappen. Einzige Voraussetzung: Ich muss ein Gerät auf mir tragen, das meine Schritte zählt und die Summe jeden Abend an die Versicherung übermittelt. Spaziere, jogge, wandere ich fleissig genug, verdiene ich pro Jahr 146 Franken. 

Einen Teil werde ich meinem Nachbarn spenden, denn der Arme geht bei diesem Schrittzähler-Programm völlig leer aus. Paul ist träge und verbringt den Feierabend gerne mit Chips, Bier und Tabak vor dem Fernseher. Zwar wollen die Versicherungen mit ihrer Aktion gerade Leute wie ihn zu mehr Bewegung motivieren, nach dem bewährten Motto «Geld ist der beste Köder». Aber 40 Rappen können Paul einfach nicht dazu bewegen, zehn Kilometer durch den Wald zu rennen. Die weiteste Distanz, die er freiwillig zurücklegt, reicht vom Sofa zum Kühlschrank. Für ihn könnte die elektronische Schritt-Überwachung sogar zu einer Falle werden: Früher oder später würde die Krankenkasse seinen bewegungsarmen Lebensstil bemerken und ihn womöglich mit einer höheren Prämie bestrafen. 

Mit anderen Worten: Das Programm ist sozial unfair. Es benachteiligt alle Faulen, also den Grossteil der Bevölkerung. Um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, habe ich einen Plan ausgearbeitet. Ich weiss jetzt, wie wir alle profitieren können. Und wie ich mein Schritt-Honorar von täglich 40 Rappen so vervielfache, dass ich reich werde und eine Villa erwerben kann. 

Wie das gehen soll? Ich werde Schrittzähler-Sitterin! Ähnlich wie eine Hundesitterin, die mit einem ganzen Rudel Vierbeiner Gassi geht, führe ich möglichst viele Schrittzähler gleichzeitig aus. Alle, die wie Paul nicht selber spörteln mögen, geben ihr Gerät in meine Obhut. Natürlich gegen ein Entgelt. Sagen wir 20 Rappen, die Hälfte des Bonus. Als Bergsteigerin trage ich locker einen zehn Kilo schweren Rucksack. 

Ich werde Schrittzähler-Sitterin! Ich führe möglichst viele Schrittzähler aus

Ein Schrittzähler wiegt ungefähr 20 Gramm. Ich könnte also 500 Stück einpacken. Ergibt 100 Franken pro Tag oder 23'500 Franken pro Jahr. Bei einer Fünftagewoche mit fünf Wochen Ferien (47 Wochen à fünf Tage à 100 Franken).

Um mehr Ertrag zu generieren, kaufe ich mit dem ersten Geld ein Velo und einen Anhänger, den ich mit 80 Kilo beladen darf. Diesen Veloanhänger lasse ich mit massgefertigten, zwölfeckigen Rädern ausstatten und belade ihn mit dem zugelassenen Gewicht von 4000 Schrittzählern. Dank der holprigen Fahrt registrieren die Zähler bei jeder Radumdrehung 12 Schritte. Auch wenn ich gemütlich in die Pedale trete, benötige ich nicht länger als eine Stunde für die geforderten 10'000 registrierten Schritte und verdiene damit 800 Franken. 

Meiner regulären Arbeit muss ich jetzt nicht mehr nachgehen. Ich kann mich voll und ganz meinem Schrittzähler-Sitting widmen, täglich vier Runden mit dem Anhänger drehen und 3200 Franken verdienen; im Jahr 752 000 Franken. Damit ist die Villa in zwei bis drei Jahren abbezahlt. Und Paul bekommt fürs Nichtstun immer noch 73 Franken. Rechne! 

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