«Gschichte vo hie und hütt» mit Pedro Lenz «Kunscht, wo me cha bruuche»

Pedro Lenz, 51, Mundart-Schriftsteller und Publizist, schreibt in seiner Kolumne für die «Schweizer Illustrierte» über die wohl berühmteste Treppenszene der Filmgeschichte. 

Es git doch dä aut Witz vom däm Typ, wo z erschte Mou am Meer isch, und nächär, wo ne d Fründe froge, wis ne dünkt, seit er, är heig sechs grösser vorgschtöut. Mir isch letscht Wuche fasch ds Gägetöu passiert. Bi wägem ne Literaturfestival z erschte Mou z Odessa gsi, am Schwarze Meer, und ha di Stäge gseh, wo vor Innestadt zum Hafen abefüehrt. So ne grossi Stäge heig i i mim Läbe no nie gseh, han i zu mim aute Fründ und Pruefskolleg Raphael Urweider gseit. Jo klar, das sig dänk die vom Füum, het är gseit. «Wele Füum?», han i gfrogt. «He Lenz, frog doch no blöder, dänk ‹Panzerkreuzer Potemkin›, der berüehmtischt Füum vor ganze Füumgschicht!»

Dä Gedanke het mer grad chli Hüehnerhut gmacht. De louft me so ne riesige Stäge z derab und dänkt nid vüu derbi. Aber wenn me nächär weiss, was es für ne Stägen isch, überchunnt me ds Gfüeu, me tschauppi eifach plump uf em ne Wäutkulturerb ume. Di Stäge, wo vor 91 Johr di wahnsinnigschti Füumszene dräiht isch worde, wos überhoupt git, di sött doch irgendwie speziell markiert si. Do söttis Info-Schüuder ha und vilecht non es Dräichrüz, wo me muess Iitritt zahlen, und e rote Teppech, das me grad weiss, me louft über öppis ganz Speziells, han i zersch ddänkt.

Aber nächär han i mers no einisch überleit und chli genauer häregluegt. Und de han i gseh, dass d Mönsche vo Odessa gar ke Zit hei, zum a so kulturhistorischem Firlifanz umestudiere. Si heis pressant. Si müessen e schwären Autag bewäutige. D Ukraine isch ir Krise. Im Oschte vom Land isch Chrieg. D Lüt hei wenig Gäud und wenig Perschpektive. Si bruuche di Potemkin-Stäge zum ufen- und abeloufe. D Füumgschicht isch ne i däm Momänt, wo si vom Hafen i d Stadt müessen oder vor Stadt zum Hafe, totau gliich. Di Stägen isch der diräktischt Wäg für aui Fuessgänger und süsch nüt.

Dass di Stägen üs vo de beide Wäutchriege, vor russische Revolution, vom Ufstieg und Ungergang vor Sowjetunion und vor ukrainische Unabhängigkeit chönnt verzöue, isch zwar ou wohr. Aber no vüu wohrer und wichtiger isch, dass di Stäge sit der Mitti vom 19. Johrhundert jede Tag vo Tusige vo Lüt bruucht wird. Di 192 Stägetritte si beides: es kulturhistorisches Zügnis und e Fuesswäg, wo ständig chli abgnützt wird.

Wahrschiinlech isch das ds Gröschte, wo me vom ne Kunschtwärch cha verlange, dass es ästhetisch isch, dass es bedüttend isch, dass es beiidruckend isch, und dass es trotzdäm so normau und so praktisch isch, dass mes jede Tag cha bruuche.

PS. Und faus jetz öpper no nid weiss, was es mit der Stäge und däm «Panzerkreuzer Potemkin» uf sech het, söu er mou im YouTube go luege. Das hout eim us de Socke, ussert, me heig gar keni anne, wöu mes nid verma.

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