Der Platzsprecher vom ESAF 2016 Dagobert Cahannes ist der Speaker der Nation

Seine Stimme kennt das ganze Land. Zum neunten Mal ist der Solothurner Dagobert Cahannes als Platzsprecher im Einsatz. Endlich kann er wieder rufen: «Manne, a d Arbet!
ESAF 2016 Schwingerkönig verkündet von Speaker Dagobert Cahannes
© Daniel Rihs

Daheim in Grenchen SO: Dagobert Cahannes und Ehefrau Uschi.

Ein guter Speaker verfügt über eine gewisse sittliche Reife», sagt Dagobert Cahannes, 66. Gattin Uschi nickt, sagt: «Doch, die hast du auch daheim.» Nun schmunzelt auch ihr Mann: «Sonst wären wir nicht schon seit 43 Jahre glücklich verheiratet.» Seine Stimme und Sprüche sind legendär, das Publikum hat er stets im Griff - Dagobert Cahannes ist der Speaker der Nation. Das Palmarès als Platzsprecher ist lang: 82 Spiele der Fussball-Nati, 15 Cupfinals, Lauberhorn-Skirennen (seit 1998), CSIO St. Gallen, CSI Zürich.

Und dann die Schwingfeste! Seit 1992 war Cahannes Speaker bei allen acht Eidgenössischen, zwei Unspunnen-Schwinget. Auch beim diesjährigen Saisonhöhepunkt waltet der 66-Jährige vor dem Mikrofon - und das Publikum liegt ihm auch heuer wieder zu Füssen. Dagos Premiere als Speaker war 1970 beim Kunstturn-Länderkampf des Satus Schweiz im Saal des Parktheaters Grenchen. Sein Speaker-Lehrmeister war Karl Erb: 1981 schaute er dem legendären SRF-Sport-Kommentator beim Skiweltcup-Slalom in Ebnat-Kappel SG erstmals über die Schulter. Beim ersten Einsatz an einem Eidgenössischen, 1992 in Olten SO, hatte Cahannes «noch keine grosse Ahnung vom Schwingen». Der zweite Speaker war (der 2011 verstorbene) Hans Jucker. Vor jedem Gang kündigten sie an, welche Schwinger zusammengreifen - das gabs vorher nicht. Jucker sei ein ganz lieber Freund von ihm geworden. Sie kommentierten viele CSIOs gemeinsam. «Wir hatten nie Probleme miteinander, weil der eine meinte, er sei besser und lustiger als der andere.» Cahannes’ berufliche Laufbahn: Handelsschule Neuenburg, Leiter Medienstelle IBM, Sandoz und Novartis, bis 2015 Medienbeauftragter der Solothurner Kantonsregierung.

«Manne, a d Arbet!»

Doch die vergangenen Monate war nix mit gemächlichem Rentner-Alltag. Jeden Tag sass Cahannes daheim im Büro, stundenlang - die Vorbereitungen für die drei Tage am Eidgenössischen sind enorm. Zehn Seiten lang ist der Ablaufplan allein für den Samstag, den der Routinier für sich und sein vierköpfiges Team (inklusive Co-Speaker, Regisseurin, Assistenten und drei Funkern) erstellt hat. Alles ist minuziös geregelt. Am Samstag um 7.45 Uhr sagt Cahannes die Begrüssung des OK-Präsidenten Albert Bachmann an, um 7.48 Uhr die Nationalhymne, anschliessend die ersten sieben Paarungen, um 7:59:10 Uhr beginnt der Big-Ben-Countdown, 50 Sekunden später kommt Cahannes’ Appell: «Manne, a d Arbet!» 52'000 Schwingfreunde schauen gebannt auf die sieben Sägemehlringe hinunter. Viele Ansagen macht Cahannes in perfektem Deutsch und Französisch. Fehlt ein Athlet am Ring, meldet das einer der Funker zu Cahannes hinauf, dieser ruft ihn dann aus. «Rettich Toni war so ein Spezialist, während Jahren.» Zu seinem Team gehört zudem ein sogenannter «Bärenführer»: Er ist unten in der Arena für die Koordination der Zeremonien verantwortlich, funkt Dago rauf.

Bekannt wie ein bunter Hund

Zwei Seiten umfasst das Bedarfsblatt, das Cahannes den Organisatoren schon vor drei Jahren hat zukommen lassen. Aus dem Forderungskatalog: Arbeitsplatz zuoberst auf der Haupttribüne, direkte Sonneneinstrahlung vermeiden (wegen der Lesbarkeit der Bildschirme), eine Verbindungsperson Sicherheit, zwei Toiletten beim Tribünenaufgang (auch für Radio-/TV-Mitarbeiter). Eine kleine Kafi-Maschine nimmt Cahannes selber mit, er gönnt sich ab und zu einen Espresso und ein Glas Wasser. «Mich braucht es nicht auf der Toilette, sondern vor dem Mikro.» Alkohol? Tabu! «Am Abend könnte ich mich ins Delirium saufen, wenn ich mit jedem, der mich begrüsst, ein Bier trinken würde.» Vor kurzem hat sich Dago im Seeland mit dem Auto verfahren. Die Bäuerin, die er ansprach, fragte zurück: «Ihre Stimme kenne ich, sind Sie nicht der Cahannes?» Nach der Arbeit am Speakerpult gehts ins Hotel, um 22 Uhr schläft er, um 5 Uhr geht der Wecker. «Ich trete meinen Job topfit an. Das bin ich den Schwingern und dem Publikum schuldig.» Er betont: «Ich habe einen privilegierten Job.» Sein Salär? «Eine Spesenpauschale in der Grössenordnung von knapp einem Drittel des Muniwertes.» Seit vielen Jahren gibt er Speaker-Kurse.

Cahannes setzt sich aufs Sofa in seiner Wohnung in Grenchen SO, neben ihm nimmt Ehefrau Uschi, 65, Platz. Kurz verzieht Dago sein Gesicht. Er wird von Arthritis geplagt, hat drei Hüft- und eine Rückenoperation hinter sich. Sein Gewicht verrät er nicht. Nur so viel: «Schwingerhosen bräuchte ich in der Grössenordnung von Stucki Chrigu.» Speakern, das sei sein schönstes Hobby, sagt Cahannes, vor allem auf dem Schwingplatz, «ich liebe die Emotionen dort. In kaum einem anderen Sport werden so viel Gefühle gezeigt wie beim Schwingen.» Er erinnert sich, wie wenn es gestern gewesen wäre: Burgdorf, Eidgenössisches Schwingfest 2013. Nach dem Schlussgang führt Platzspeaker Cahannes in der Sägemehlarena das Siegerinterview, es wird live im Fernsehen ausgestrahlt. Sempach erklärt, dass für ihn ein Bubentraum in Erfüllung gegangen sei. Plötzlich ertönen Böllerschüsse, sie werden Sempach zu Ehren in seinem nahe gelegenen Wohnort Alchenstorf abgefeuert. Da legt sich Mättus Anspannung, die Emotionen wogen hoch, Cahannes legt väterlich den Arm um die königliche Schulter, sagt: «Chumm, Mättu, loss use!» Die Zuschauer sind ergriffen. Dago: «Ich bin es heute noch, wenn ich daran denke.»

Seine Sprüche habe er sich verdienen müssen, «ich kann mir einen erlauben, den ein anderer nicht wagen würde.» Ein guter Spruch am Stammtisch sei noch lang keiner am Schwingfest. «Sauglattismus mags nicht verleiden.» Ein guter Speaker sei gut vorbereitet, kennt die aktuelle Kranzstatistik. Und habe ein Gschpüri fürs Publikum. «Ich merke, wenn es Zeit ist für eine Welle.» Auf der anderen Seite spüren die Leute, «dass ich Freude habe an der Arbeit und mir Mühe gebe.» Wenn seine Arbeit als Speaker tags darauf kein Thema ist in den Zeitungen, «dann habe ich einen guten Job gemacht.» Auch 2019 in Zug wäre Dago gern wieder am Eidgenössischen - es wäre sein zehntes und letztes.

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