Meniskus-Operation Das Geheimnis um das «Knie der Nation»

Wunder oder innovative Therapie? Damals, im Winter 1985, verletzte sich Pirmin Zurbriggen bei seiner Siegesfahrt in Kitzbühel schwer am Knie. Der Traum der Teilnahme an der WM in Bormio schien geplatzt. Drei Wochen später wurde Pirmin Weltmeister. Wie war das möglich?

Meniskus-Operation, Check-up

Skiathlet Zurbriggen, damals 22-jährig, testet das verletzte Knie auf einer der ersten Cybexmaschinen. Resultat: grünes Licht für die Weltmeisterschaft in Bormio 1985!
© RDB / Walter L. Keller

Die ganze Schweiz litt mit Pirmin Zurbriggen. Damals, kurz vor der WM 1985 in Bormio. Es geschah beim letzten Sprung seiner Siegesfahrt in Kitzbühel. Bei Tempo 130 machte der 22-jährige Skiathlet eine Beugebewegung und verletzte sich dabei am Knie. Humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht verliess er den Zielraum. Einmalig in der Geschichte des Skisports: Die Siegerehrung fand ohne den Sieger statt. Und das drei Wochen vor der Weltmeisterschaft in Bormio. Der Medaillengarant war aus dem Rennen. Seine Gegner freuten sich, dass sie ihren stärksten Rivalen schon vor der WM los waren.

Von Kitzbühel wurde Zurbriggen gleich in die Praxisklinik Rennbahn in Muttenz überführt und von Dr. Bernhard Segesser operiert. Warum wusste der Sportarzt, dass der Meniskus verletzt war? Damals gab es noch kein MRI oder CT. «Er konnte das Knie nicht mehr strecken, dazu kamen einige andere klinische Zeichen, die die Diagnose Meniskus-Verletzung stützten», erklärt Dr. Segesser. Gleichzeitig warnten die Ärzte vor zu grossem Optimismus. Und der «Blick» titelte: «Nur ein Wunder bringt Pirmin an die WM». Pirmins Knie wurde zum «Knie der Nation». Ein ganzes Land fieberte mit. Wird er es schaffen? Die Telefonzentrale in der Praxisklinik brach zusammen. Pirmin wurde überhäuft mit Briefen und Blumen, ganze Schulklassen wollten ein Autogramm.

Drei Wochen später steht Pirmin Zurbriggen mit der Nummer 1 am Start in Bormio und fährt mit elf Hundertstelsekunden vor Peter Müller ins Ziel. Goldmedaille! War es Wunderheilung, inszenierter Bluff oder höchste medizinische Kunst? Vergangene Woche lüfteten Pirmin Zurbriggen und Sportarzt Bernhard Segesser an einer Veranstaltung in Zürich das Geheimnis. Segesser stand damals im Verdacht, mit hochriskanten Techniken die Karriere des Skiathleten zu gefährden. «Wunder haben wir damals sicher nicht vollbracht. Ich wollte ganz einfach alle medizinischen Möglichkeiten ausschöpfen und neue Wege in der Rehabilitation gehen. Die arthroskopischen Operationen waren damals noch nicht ausgereift, mich störten die winzigen Instrumente. Deshalb entwickelten wir die sogenannte Miniarthrotomie unter Arthroskopie-Kontrolle, eine minimale offene Operationstechnik, die es dank speziellen kleinen Haken erlaubte, normal grosse Instrumente zu benutzen, um im Gelenk zu operieren. Das von der Aussenseite des Knies her eingeführte Arthroskop gab gleichzeitig Licht und Übersicht im Gelenk. So kombinierten wir ein neues mit einem herkömmlichen Verfahren», erklärt Dr. Segesser. «Durch diese Technik wurde der Gewebeschaden minimiert und die Muskulatur blieb nahezu intakt. Aber der grosse Unterschied damals war, dass wir mit einer frühen funktionellen Nachbehandlung viel aktiver waren als einige Kollegen, die einen operierten Meniskus teilweise noch in Gips legten.» Mit dieser Methode hatte der orthopädische Chirurg und Sportmediziner bereits einige positive Erfahrungen gemacht, als Pirmin in die Klinik kam. Unter grosser Medienaufmerksamkeit wurde auf einer der ersten Cybexmaschinen, die extra nach Muttenz gebracht wurde, und weiteren aufwendigen Tests zusammen mit dem damaligen Trainer Karl Frehsner Zurbriggens Formstand geprüft und für gut befunden. «Pirmin spürte genau, dass er und sein Knie fit waren. Das bedeutete grünes Licht für Bormio! Im Rückblick eine intensive Zeit einer tollen Teamarbeit, geprägt von gegenseitigem Glauben und Vertrauen», bestätigt Dr. Segesser.

Auch heute hilft die Rennbahn-Klinik-Philosophie verletzten Patienten zu schneller Genesung. Das beginnt mit gemeinsamen Mahlzeiten, damit Patienten ihre Zimmer verlassen. «Wir wollen, dass die Patienten so schnell wie möglich aufstehen und aus ihrem Zimmer gehen. Bei uns gab und gibt es bis heute weder Spitalhemden noch Toilette und Dusche im Zimmer», erklärt der Mitbegründer der Praxisklinik. Jeder Patient und jede Patientin sollte sich durch intensive Bewegungs- und Physiotherapie so rasch als möglich so gesund wie möglich fühlen. So war die Klinik eine der ersten der Schweiz, die einen Sportlehrer im Physioteam beschäftigten. Auch betrieb die Klinik Trainingstherapie und Ersatztraining, lange bevor diese Massnahmen diesen Namen erhielten. Das hat sich inzwischen herumgesprochen, sodass heute neben Profi-Sportlern auch Hobbysportler gerne in die Praxisklinik Rennbahn kommen. «Hier sehen sie noch Hanteln und riechen das Sägemehl. Das ist wichtig, um so schnell wie möglich wieder gesund und aktiv zu werden», erklärt der Sportmediziner.

 

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