Claudie Gallay Das Meer - tosendes Nehmen und Geben

Die Französin Claudie Gallay schreibt mitreissend und in starken Bildern über Verlust, Leidenschaft, Sehnsucht und Sühne.

Claudie Gallay

Der Roman der 49-Jährigen Claudie Gallay macht weltweit Furore und wird aktuell verfilmt.

«Wenn das Meer steigt, sagt man hier, sind die Männer stärker. Die Frauen nutzen die Gelegenheit, um sich an ihnen festzuklammern, egal, wo sie sind, in den Ställen oder in den Laderäumen der Boote. Sie lassen sich nehmen.»

Die Ich-Erzählerin ist geflohen. Getrieben von der Trauer um ihren verstorbenen Mann. Und gestrandet am Ende der Welt. In La Hague im Nordwesten der Normandie. Ein Küstenort, wo nur wenige Menschen leben. Und die sind wie die Natur: rau und schroff. Gegenüber Fremden wortkarg und misstrauisch. Hier beobachtet sie für das ornithologische Zentrum von Caen das Verhalten der Kormorane, zählt Vögel, ihre Nester und Eier. Ein monotoner Job, aber genau, was sie braucht für ihre gemarterte Seele. Die Einheimischen nennen sie «La Griffue», wie das windschiefe Haus, das bei Sturm im Meer zu versinken droht. Oder «La Horsaine», die Zugereiste.

Als Lambert im Dorf auftaucht, wird er nicht wie ein alter Bekannter empfangen. Dabei lebte er mal hier. Vor vierzig Jahren. Aber dann entriss ihm das Meer seine Eltern und den kleinen Bruder.

Jetzt ist er zurückgekehrt, um das Schiffsunglück von damals aufzuklären. Vermutet im alten Leuchtturmwärter Théo den Schuldigen.

Begegnungen mit der Protagonistin verlaufen wie Ebbe und Flut. Die Autorin ist eine virtuose Erzählerin. Figuren und Stimmungen schildert sie so fassbar, dass man sich selbst in La Hague wähnt. Man spürt den Sturm, der Schmetterlingen die Flügel zerreisst.

Man fühlt die Trauer der beiden Suchenden und fiebert nach der Wahrheit, die sich hinter dem Schweigen verbirgt. Claudie Gallay ist für das packende Buch ausgezeichnet worden und hat damit den Stoff für einen Kinofilm geschaffen.

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