Lukas Hartmann Die Stille nach der Finsternis

Der preisgekrönte Autor Lukas Hartmann legt einen berührenden Gegenwartsroman vor, in dem ein traumatisierter Junge die Hauptrolle spielt.

Lukas Hartmann

"Finsteres Glück", der neue Gegenwartsroman von Lukas Hartmann (Diogenes).

«Schwerer Autounfall in einem Tunnel, verstand ich, ein Junge, dessen ganze Familie umgekommen sei, habe wie durch ein Wunder mit leichten Verletzungen überlebt, er brauche dringend psychologische Betreuung, ja jetzt noch, man schicke ein Taxi an meine Adresse.» Der Anruf für die alleinerziehende Psychologin Eliane Hess kam nachts um halb elf und verändert ihr ganzes Leben.

Der neue Roman des Berner Autors Lukas Hartmann, 66, ist von einer eindringlichen Dynamik. Dazu inspiriert hat ihn eine Zeitungsmeldung, die am 11. August 1999 in Frankreich erschien. «Die Nachricht hat mich über Jahre nicht mehr losgelassen», erzählt der Schriftsteller. Daraus erwuchs schliesslich die Geschichte des achtjährigen Yves, der Geschwister und Eltern verlor, nachdem sie gemeinsam im Elsass eine totale Sonnenfinsternis beobachtet hatten. Der einzigartige Ausflug endete an einer Betonwand.

Eliane wächst der kleine Patient ans Herz. Sie verliert die professionelle Distanz. Nimmt den traumatisierten Jungen bei sich und ihren beiden Töchtern auf – bis Yves’ Verwandtschaft ihre Rechte einfordert.

Lukas Hartmann hat das Projekt 2003 begonnen und wieder aufgegeben. Erst nachdem er seine Mutter intensiv in den Tod begleitet und auch einen guten Freund verloren hatte, nahm er 2008 den Stoff wieder auf. «In Momenten des Verlustes fühlt man sich wie ein verlassenes Kind.» Wie sein Protagonist, zu dem er schreibend eine sorgende, liebevolle Beziehung aufgebaut hat. Doch: «Yves bleibt stets ein Rätsel, man sieht nie ganz in sein Innerstes.»

Warum nun dieser Wechsel zu einem Gegenwartsroman, der Verlust, Trauer, aber auch häusliche Gewalt und gescheiterte Beziehungen thematisiert? «Ich hatte das Bedürfnis, aus dem Korsett des historischen Romans auszubrechen.» Trotzdem lässt Hartmann auch in diesem Plot längst Vergangenes einfliessen. So blendet er die Entstehung des Isenheimer Altars im 16. Jahrhundert in Colmar ein. Auf dessen erster Tafel soll Mathis Gothart Grünewald eine Sonnenfinsternis dargestellt haben. Diese im Buch eingemittete Schilderung löst im ersten Moment Irritation aus, ist letztlich jedoch eine Schlüsselstelle. Der Sogwirkung des neuen Hartmanns kann man sich nicht entziehen. Nicht zuletzt, weil das Buch zutiefst menschlich ist.
 

Darum fesselt das Buch
- Die psychologisch dichte Geschichte ist spannend und rätselhaft wie ein Krimi.
- Die Figuren widerspiegeln überzeugend unsere Art des Handelns und Denkens.
- Die historische Rückblende auf den Isenheimer Altar irritiert und fasziniert.

 

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