Marie NDiaye Drei Frauen zwischen Afrika und Europa

Sie schreibt über Liebe, Verlust und Gewalt. Dafür erhält die Autorin Marie NDiaye Frankreichs höchsten Literaturpreis.

Marie NDiaye

Brillant: Marie NDiaye, 43, hat senegalesische Wurzeln. Ihren ersten Roman publizierte sie als 17-Jährige.

«Sie umarmte ihn kurz, ohne ihn an sich zu drücken, denn die beinahe unmerkliche Art, in der sich das schlaffe Fleisch an den Armen ihres Vaters unter ihren Fingern zusammenzog, erinnerte sie daran, dass er jede körperliche Berührung verabscheute.» Norah, eine Pariser Rechtsanwältin, besucht ihren Vater in Afrika. Er hat sie angefleht zu kommen. Ihr Bruder Sony, als Fünfjähriger vom Vater aus Frankreich entführt, sitzt im Gefängnis, und sie soll ihn dort rausholen. Eine Rückkehr, die für Norah zur seelischen Marter wird. Der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman ist eigentlich keiner. Vielmehr eint er drei voneinander unabhängige Frauenschicksale. Das der Senegalesin Fanta wird aus der subjektiven Perspektive ihres weissen Ehemannes Rudy erzählt. Dieser zieht mit Fanta nach Frankreich, als er in Dakar nach einer Prügelei mit Schülern seinen Job als Lehrer verloren hat. Doch Fanta vereinsamt in der Provinz, und Rudy kriegt sein Leben nicht mehr in den Griff. Frustriert wirft er ihr eines Morgens an den Kopf, dass sie dahin zurückgehen könne, wo sie herkomme. «Beim blossen Gedanken, sie könnte diese entsetzlichen Worte befolgen, strömte ihm Schweiss über Gesicht und Hals.»

Die französische Autorin Marie NDiaye lebt mit ihrem ebenfalls schreibenden Mann und ihren Kindern in Berlin (aus Protest gegen Sarkozys Einwanderungspolitik). Die bitterste Geschichte ist jene der jungen Witwe Khady, die von der Familie verstossen und zur Flucht nach Europa getrieben wird. Ein jahrelanger Albtraum! Doch nie verliert die Protagonistin den Glauben an sich selbst. Drei verschiedene Biografien – schmerzhaft zwar, aber nicht Mitleid heischend, sondern Verständnis.

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