Sie kam als Kind aus dem Irak, lebt in Ebikon LU und spaltet die Schweiz. Sura al-Shawk will nur eines: Basketball spielen mit Kopftuch. Verboten! «Hey Mann, wo ist das Problem?»
Sura al-Shawk «Ich will doch nur spielen»
Sura Al-Shawk, 19, sitzt im Restaurant, bestellt Milchshake mit Erdbeergeschmack. «Ich liebe Paris», prangt auf ihrem schwarzen Kapuzenpulli. Darunter trägt sie graue Leggings, modische Winter-Boots. Ein kariertes Tuch verdeckt Haare und Ohren. Sura ist Muslimin. Vor zwei Jahren hat sie entschieden, das Symbol ihrer Religion zu tragen. «Selbstständig, meine Eltern wussten von nichts», betont die Gymnasiastin in breitem Luzerner Dialekt. Sie verabscheue jegliche Form von Zwang. «Das bewirkt bei mir genau das Gegenteil», sagt sie.
Jetzt zieht sie ein Tuch aus ihrer rosa Sporttasche, lässt es eingeklemmt zwischen Daumen und Zeigfinger hin und her baumeln. Ihr Sport-Kopftuch. Zwanzig Gramm durchsichtiger Stoff. «Hey Mann, wo ist das Problem?»
«Mein Kopftuch eine Verletzungsgefahr? Das ist doch eine faule Ausrede»
Sura verdreht die Augen, seufzt, nippt am süssen Getränk: «Ich bin mega deprimiert.» Weil sie nicht darf, was sie in ihrer Freizeit am liebsten macht: Basketball spielen. Auf ihrem linken Eckzahn glitzert ein kleiner Diamant, über dunklen, mascaraverlängerten Wimpern silbriger Lidschatten. «Ich verstehe das einfach nicht.» Der Deutschschweizer Verband Probasket hat die Spielerin des Vereins STV Luzern Basket vor die Wahl gestellt: entweder ohne Kopfbedeckung oder gar nicht. Sura sagt: «Ich will mit Kopftuch spielen. Ich lege es nicht ab!» Ihr Anwalt, Grüne-Nationalrat Daniel Vischer, droht dem Verband nun mit rechtlichen Schritten. Ihr Fall sorgt landesweit für Schlagzeilen und volle Leserbriefseiten. Auf der Strasse wird sie oft erkannt, manchmal angepöbelt.
Sura, Ihnen wird religiöse Sturheit vorgeworfen …
Ich bin nicht mega religiös und trage das Kopftuch nicht nur, weil mir das der Koran vorschreibt. Es ist mein Entscheid und meine persönliche Freiheit. Ich empfinde es als diskriminierend, als Eingriff in meine Religionsfreiheit, wenn ich das Kopftuch beim Basketballspielen nicht tragen darf.
Aber so sind nun mal die Regeln.
Als ich in der regionalen Liga spielte, war mein Kopftuch nie ein Thema. Erst als meine Mannschaft, die Luzern Amazons, diese Saison in die Inter-Liga aufstieg, hiess es vom Verband plötzlich, das gehe nicht. Religiöse und politische Symbole hätten auf dem Spielfeld nichts verloren. Später folgte die Begründung: Wegen Verletzungsgefahr sei es nicht erlaubt. Das ist doch eine faule Ausrede.
Sie erwarten also, dass der Verband Ihretwegen die Regeln ändert?
Zumindest, dass er eine Ausnahme macht. Dass wegen der Sicherheit keine Halsketten und Ohrringe erlaubt sind, finde ich okay. Fürs Basketball habe ich ja ein speziell dünnes Kopftuch. Es wiegt nichts, und warum bitte schön soll es eine Verletzungsgefahr darstellen? Der Punkt ist doch, der Verband duldet keine religiösen Symbole. Das akzeptiere ich nicht.
Was ist so schlimm daran, das Kopftuch während eines Matches abzulegen?
Den Hidschab zu tragen, war für mich ein grosser Entscheid, einer fürs Leben. Ein Jahr lang habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt. Das Kopftuch ist für mich nicht einfach ein Stück Stoff, sondern mit meinem Geist und mit meinen Emotionen verbunden: Es gehört zu mir, beschützt mich, ist meine Aura. Wenn ich es im Sport nicht trage, kann ich es gleich ganz sein lassen. Das wäre Selbstverrat. Ich will nicht aus Bequemlichkeit meinen festen Willen brechen.
Vielen gilt das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung der Frau. Sie, Sura, tragen es freiwillig. Ist das nicht eine Ohrfeige für alle, die unter dem Kopftuchzwang leiden?
Ich bin total gegen Zwang. Jede Frau soll frei leben dürfen, selber entscheiden, ob sie das Kopftuch trägt und welchen Mann sie heiratet. Leider wird der Islam von vielen Muslimen falsch verstanden. Diese Extremisten sind schrecklich. Kein Wunder, haben viele Leute hier Ängste und Vorurteile. Ich würde meine Eltern auslachen, wenn sie mich einem fremden Mann versprechen würden!
Sura war zehn Jahre alt, als ihre Familie aus Bagdad in die Schweiz flüchtete. Ihre Mutter Ghosoon, 43, wuchs als Christin im Irak auf und konvertierte zum Islam, noch bevor sie ihren späteren Mann Hayder, 46, kennenlernte. «Meine Familie ist sehr tolerant», sagt Sura. Auch die meisten ihrer Tanten väterlicherseits tragen kein Kopftuch. 1993 zieht die Familie ins luzernische Ebikon: Sura, ihre Schwester Samar, 16 (sie trägt kein Kopftuch), und ihre drei Brüder Mohammed, 8, Ali, 15, und Saif, 21.
Zu Hause ist Mutter Ghosoon am Kochen. «Räum die Schuhe etwas zur Seite», sagt Sura zu ihrem jüngsten Bruder. Auf dem Schreibtisch in ihrem Zimmer ein Sammelsurium aus Haarspray-Dosen, Nagellack, Puderdöschen, Lidschatten. «Ich schminke mich gern, hänge auch gern mal mit Kollegen in einer Bar ab.» Nur keine Discos, kein Alkohol, kein Mann vor der Ehe. «Sonst lebe ich völlig normal.» Sura nimmt eine Medaille vom Regal. Eine Auszeichnung «für die wichtigste Spielerin des Teams 2008/9». Sie strahlt. Über ihr ein Gebetsteppich – und Michael Jordan, der die Arme ausbreitet. Sura betrachtet die Basketball-Legende auf dem Poster. Ihre Augen leuchten erneut. «Ich will doch einfach nur spielen.»
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