Brustkrebs: Wo stehen wir Heute? Was bringt die Zukunft? Weniger Chemotherapie

Zwar nehmen Brustkrebsdiagnosen zu, die Zahl der Frauen aber, die an Brustkrebs sterben, sinkt. Neue Gentests am Tumorgewebe verhindern zudem unnötige Chemotherapien mit belastenden Folgen.
Brustkrebs
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Verfahren wie Mammografie, Mammasonografie und Magnetresonanz-Mammografie helfen, den Tumor zu entdecken.

Warum gerade ich? Was habe ich falsch gemacht? Das fragen sich jeden Tag mehr als 15 Frauen in der Schweiz, wenn sie die Diagnose Brustkrebs bekommen. Gut 5500 Frauen erkranken jährlich daran, eine von acht bis zehn Frauen wird im Alter bis 80 Jahren mit der belastenden Diagnose konfrontiert. Vier von fünf Betroffenen sind über 50 Jahre alt. Unter allen Krebserkrankungen bei Frauen steht Brustkrebs an erster Stelle.

Obwohl der Trend bei Brustkrebsdiagnosen nach oben zeigt, sinkt die Sterblichkeit kontinuierlich. Vier von fünf erkrankten Frauen sind fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Während vor 30 Jahren pro Jahr 3200 neue Fälle verzeichnet wurden, und 1700 Frauen an Brustkrebs starben, sind es heute 1300 bei 5300 Neuerkrankungen jährlich. Die neusten Zahlen stammen aus dem Jahre 2004. Wir verdanken dieses Resultat nicht zuletzt besserer Früherkennung und neuen Diagnose-Tools, genauerer Bildgebungsverfahren, schonenderer Brustkrebs-Chirurgie, individualisierter Therapie, effektiverer und intensiverer medikamentöser Behandlungen und verbesserter Nachbetreuung. Für Prof. Dr. Ossi R. Köchli, ärztlicher Leiter des Brust-Centrums Zürich-Bethanien, sind es unter anderem das Gesamtkonzept, die interdisziplinäre Zusammenarbeit und das Tumorboard in den Brustzentren, die für ein weiteres Absinken der Krebssterblichkeit verantwortlich sind – trotz Anstieg der Häufigkeit.

Ganz klar ist: Je früher Brustkrebs entdeckt wird, desto besser sind die Überlebens-Chancen. Das frühe Stadium erlaubt meistens auch eine schonendere Behandlung. Je nach Fall kommen bei den bildgebenden Verfahren die Mammografie, Mammasonografie oder die Magnetresonanz-Mammografie zur Anwendung. Die Kritik an der Mammografie als eher ungenaues Tool lässt der Brustspezialist so nicht gelten: «Mit der Mammografie sehen wir Mikroverkalkungen extrem gut.» Mikroverkalkungen sind oft ein frühes Zeichen, dass Veränderungen in der Brust stattfinden und unter Umständen Brustkrebs entsteht. Die nötige Biopsie wird stereotaktisch und in Lokalanästhesie durchgeführt. Bei dichtem Brustgewebe wird ergänzend ein Ultraschall gemacht. Die Magnetresonanz-Mammografie wird bei speziellen Fällen etwa bei Brustimplantaten oder genetischen Hochrisikopatientinnen eingesetzt.

Bei der Brustchirurgie hat sich ebenfalls einiges getan: Während früher die komplette Brustentfernung und Aushöhlung der Achselhöhlen Standard war, steht heute die Brust- und Axilla-Erhaltung im Vordergrund. Mit der Sentinel-Biopsie-Methode werden nicht alle Lymphknoten, sondern nur die befallenen oder der Wächter-Lymphknoten entfernt. So muss oft nicht die ganze Achselhöhle vollständig ausgeräumt werden. Nach der Chirurgie spielt die medikamentöse Therapie eine wichtige Rolle. «Wir unterscheiden zwischen der Hormontherapie bei hormonsensitiven Tumoren, der Chemo- und Immuntherapie», erklärt Prof. Köchli.

Als absolutes Highlight bezeichnet der Brustkrebsspezialist den Einsatz von genetischen Tests zur Verhinderung von Über- und Untertherapien. Im Fokus steht dabei die Chemotherapie mit ihren belastenden Nebenwirkungen wie Übelkeit, Haarverlust oder Müdigkeit. Viele Brustkrebs-Patientinnen brauchen aber keine Chemo. «Die Tests, ob eine Frau eine Chemotherapie braucht oder nicht, werden heute oft auf genetischer Ebene gemacht», sagt Prof. Köchli. Der Gentest am Tumorgewebe gibt Aufschluss, wie hoch das Rückfallrisiko ist. Das während der Operation entfernte Brustgewebe wird untersucht, um die Aktivität der Gene zu analysieren und herauszufinden, wie der Krebs reagiert und auf die Behandlung anspricht.
Diese Informationen können helfen, einen individuell auf die Patientin zugeschnittenen Behandlungsplan zu entwickeln und damit unnötige Chemotherapien zu vermeiden. Meta-Analysen von neun klinischen Studien zeigen, dass ohne den Einsatz eines Gentests für 58 Prozent der Patientinnen eine Chemo- und Hormontherapie geplant war. Nach dem Test wurde bei 51 Prozent die endokrine Therapie allein als ausreichend betrachtet. Andererseits wurde aufgrund des Testergebnisses bei 42 Prozent der Patientinnen, die initial nur eine Hormontherapie erhalten sollten, 13 Prozent eine Chemo- plus Hormontherapie empfohlen. Diese 13 Prozent wären ohne Test untertherapiert worden. «Mit dem Test werden deutlich weniger Chemotherapien gemacht», gibt Prof. Köchli zu bedenken. Ein Wermutstropfen: Längst nicht alle Krankenkassen bezahlen die Tests, obwohl eine Chemotherapie die Kassen teurer zu stehen kommt als ein Gentest.

Was bringt die Zukunft? Der Fokus in der Forschung liegt auf neuen Methoden und einer besseren Auflösung bei den bildgebenden Verfahren, auf automatisierter Diagnostik, maximaler Erhaltung von Gewebe bei der Chirurgie, raffinierter Planung und neuen Geräten für Bestrahlungen sowie zielgerichteten, personalisierten Therapien.