Michael Theurillat Realität und Fiktion

Sein Hobby ist Mord. Michael Theurillat schrieb den Krimi «Sechseläuten» in seinem Büro am Zürcher Paradeplatz. Im Fokus: die feine Gesellschaft!
Bei Michael Theurillat entsteht alles auf dem Laptop.
Bei Michael Theurillat entsteht alles auf dem Laptop.

Es gab Momente, da dachte Michael Theurillat, 48, ans Aufgeben. Die Krise traf ihn in der Halbzeit seines brandneuen Gesellschaftskrimis «Sechseläuten». «Ich war frustriert und hässig», sagt der Ökonom, «hatte das Ziel aus den Augen verloren. Mein Buch ist gegliedert wie ein Eishockeymatch: Im ersten Drittel liefs wie geschmiert, dann folgte eine Durststrecke. Als ich gegen Schluss endlich das grosse Geheimnis lüften konnte, schrieb ich die letzten hundert Seiten wie in Trance.»

Erster Satz: «Ich bin das Kind einer Fekkerin.»

Nach seinem Debütroman «Im Sommer sterben» (2006) und «Eistod» (2008) erscheint pünktlich zum Zürcher Zunftspektakel Theurillats dritter literarischer Streich. Seine Hauptfigur ist Kommissar Eschenbach. Diesmal muss er einen Mord an einer Mitarbeiterin des Weltfussballverbandes Fifa aufklären. Diese starb unter mysteriösen Umständen während der Feierlichkeiten zum Sechseläuten. Einziger Zeuge: ein Junge, der nicht spricht. Immer tiefer taucht Eschenbach ein in das Schicksal der «Kinder der Landstrasse».

Wie schon bei Theurillats ersten beiden Krimis vermischen sich Realität und Fiktion, es geht auch diesmal um Korruption, Skrupellosigkeit, Unmoral. Der Autor hält der Elite gerne den Spiegel vor. Angst vor hohen Tieren hat er nicht. Obwohl: Den Wohnort Freienbach SZ gab der Schriftsteller auf. Er erhielt anonyme Briefe. «Da bin ich wohl jemandem auf den Schlips getreten», sagt der ge­bürtige Basler. Anfang April rollte der Zügelwagen vor. «Mein achtjähriger Sohn Nicola soll nicht zwischen leeren Villen und Ferraris aufwachsen.»

Im Jahr 2000 hängte Theurillat seinen Job als UBS-Banker an den Nagel, verzichtete auf ein siebenstelliges Gehalt. «Ich wollte mein Leben schöpferisch gestalten.» Woher der mittlerweile freiberufliche Berater den Mut nahm, ist ihm selber ein Rätsel – «seither gehts mir besser».
Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist durchaus mit einer Schwangerschaft zu vergleichen.

«Ich schrieb neun Monate, drei Monate habe ich es ‹gschöppelet› – sprich korrigiert und redigiert.» Die Muse hat Michael Theurillat zu Hause und im Büro an der Zürcher Bahnhofstrasse geküsst. Von hier überblickt er Kommissar Eschenbachs Revier. Und hat direkten Einblick in die Teppich­etage der Credit Suisse im Haus quer gegenüber.

Auch in Kanada wurde der Plot weitergesponnen. Dort besitzt Theurillat eine Farm. Seinen Laptop (Marke Apple) trägt er immer bei sich. «Ich schreibe sogar im Zug. Am produktivsten bin ich zwischen Mitternacht und drei Uhr früh. Es liegen bis zu acht ­Seiten drin. Danach bin ich schweiss­gebadet. Schreiben ist ein körperlicher Vorgang – wie mauern oder gärtnern.»

Hinsetzen und einfach den ersten Satz schreiben? Der Glauser-Fan: «Den ersten Satz formuliere ich immer erst ganz zum Schluss.» Die Tagebuchnotiz, mit der sein Roman beginnt, macht neugierig. Das Wort «Fekker» bedeutet «Jenische».

In Zürich Seebach hatte Michael Theurillat während einer Recherche das Glück, Fahrende zu treffen. Sie ­gaben Einblick in ihr von Vorurteilen ­geprägtes Leben und in ihre traurige Vergangenheit. «Für Begegnungen wie diese lohnt sich die Plackerei», sagt der Autor, der zurzeit an einem Kinderbuch schreibt.

«Das Motiv der Schuld, die man nie ganz wegkriegt, hat mich richtig aufgefressen. Das ist das Tolle an der Schweiz – dass man glaubt, alles irgendwann vergessen zu können.»