Overtime im Musikkeller Die Welt von Eishockey-Profi Eric Blum

Eintöniger Profisportler-Alltag? Nicht bei Eric Blum, Verteidiger des SC Bern. Der Tausendsassa, der in der Musik den idealen Ausgleich zum Sport findet, über ewige Hits, neue Träume und seinen auf alt gemachten Lieblingslook.

Diszipliniert, pünktlich, präzis. Nicht unbedingt die ersten Attribute, die einem einfallen, wenn man an einen Musiker denkt. Sensibel, kreativ, musikalisch. Nicht unbedingt die Eigenschaften, die man auf Anhieb mit einem Eishockeyspieler in Verbindung bringt. Eric Blum ist beides, Musiker und Eishockeyprofi – und lässt sich in keine Schublade stecken.

Optisch entspricht der Zürcher voll und ganz dem Klischee des Rockers: den Hut ins Gesicht gezogen, schulterlange Haare, alte Lederschuhe, Jeans im Used-Look, das eine Hosenbein etwas weiter hochgekrempelt als das andere. Kurz: Sein Style ist an Coolness kaum zu überbieten. Um den perfekten Rockmusiker zu mimen, fehlt nur noch die Zigarette im Mundwinkel. Doch Blum ist ja hauptberuflich Eishockeyspieler. Das lässt sich an der Bizepsgrösse und der Schramme an der Wange erahnen. Und daran, dass es während des Interviews für ihn statt einer Zigarette Müesli mit Joghurt und Banane und dazu Wasser zum Frühstück gibt.

Die Liebe zum Eishockey entdeckt der schweizerisch-japanische Doppelbürger früh. Aufgewachsen in Zürich, beginnt er als Neunjähriger bei den GC Zürich Bambini, durchläuft dort die Nachwuchsstufen. Danach kommen die Aufgebote für die Junioren-Nationalmannschaften, irgendwann der erste Einsatz mit den SCL Tigers in der Nationalliga A. Seit 2013 ist der Verteidiger Vizeweltmeister mit der Schweizer Nati und aktuell Schweizer Meister mit dem SC Bern. In der Musik gehts etwas langsamer voran – obwohl ihm diese Verbindung gar in die Wiege gelegt wird. «Meine Mutter war damals in Japan ein grosser Eric-Clapton-Fan, darum der Name Eric», erzählt er fast ein wenig stolz. Im Blockflötenunterricht in der Primarschule ist er nicht so ambitioniert. Die alte Flamencogitarre der Mutter gefällt ihm da schon besser. Trotzdem dauert es noch eine Weile, bis er mit 23, als er bei den Kloten Flyers spielt, lernt, Gitarre zu spielen. In dieser Zeit gründet er mit den Teamkollegen Roman Wick (Gitarre) und Romano Lemm (Bass), dem damaligen HCD-Spieler Tim Ramholt (Gesang) sowie Kumpel und Drummer Fabian Gass die Band «We and the Bulls». Mit den heutigen Rivalen auf und Kollegen neben dem Eis tritt er ab und zu vor kleinem Publikum auf. Und einmal, bei den Sports Awards 2013, mit Sänger Bastian Baker gar vor grossem – im Saal und vor den TV-Geräten.

SI: Eric Blum, die Hockeysaison ist in vollem Gang. Auf wann ist der nächste musikalische Auftritt geplant? 
Eric Blum: Gar nicht. Normalerweise treten wir so zweimal im Jahr auf, mal sehen, was kommt.

Sie sind in der Musik also weniger ehrgeizig als auf dem Eis? 
Ich will gut sein in allem, was ich mache. Aber Hockey hat bei uns allen Priorität. In der Musik ist es aber ein bisschen wie im Sport: Wenn wir unter Druck sind, läuft es meistens besser und jeder findet irgendwie Zeit.

Welche Musik hat Sie in Ihrer Kindheit geprägt?
Wir hatten früher noch Platten, dann kamen die Kassetten. Meine ältere Schwester und ich haben vom Radio jeweils Mixtapes aufgenommen und rauf und runter gehört. Lustig: Das Lied «Nothing Compares 2 U» von Sinéad O’Connor hatte nur halb Platz drauf. Das hat sich bei mir so eingebrannt. Wenn ich es heute höre, bin ich verwirrt, dass es nach dem zweiten Chorus weitergeht.

Welche Musik haben Ihre Eltern gehört?
Meine Mutter machte und hörte spanische Gitarrenmusik. Und damals musste man sich ja entscheiden: Team Beatles oder Team Stones. Meine Eltern waren Team Beatles, die blaue Platte lief andauernd.

Also sind auch Sie Team Beatles? 
Hmmm nein, ich finde beide cool. Aber songwritingmässig sind die Beatles wohl unschlagbar. Ich entdecke immer wieder neue Sachen von ihnen, die zum Teil so atypisch sind. Doch ich achte mehr auf die Melodie, der Text ist mir eigentlich wurst.

Was hören Sie heute?
Vor allem Rock und Blues. Von den Klassikern wie eben die Stones, Beatles, Led Zeppelin, Prince, B. B. King, Jimi Hendrix, Joe Cocker oder Clapton bis zu aktuelleren Bands wie The Temperance Movement, Jack White, Rival Sons oder The Black Keys.

Welche Musik spielen We and the Bulls?
Ganz verschiedene: Viel Rock, Covers, Klassiker, mal härtere, mal ruhigere Klänge, und es kann auch mal ein Schweizerdeutscher Song sein. Und auch eigene Songs, Ramholt textet, Wick und ich sind meistens für die Melodie zuständig.

Helene Fischer kitzelt mich jetzt echt gar nirgends

Sind Sie beim SCB der Garderoben-DJ?
Wir haben eine geteilte Playlist auf der Musik-App Spotify. Untersander, Bodenmann, Kreis und ich haben sie gefüllt. Bei den anderen ist Elektro angesagt, ich versuche jeweils Analoges reinzubringen.

Welche Musik geht gar nicht?
Mallorca-Hits, Schlager. Helene Fischer kitzelt mich jetzt echt gar nirgends.

Hatten Sie auch mal eine Phase, die Ihnen heute peinlich ist?
Klar. Mein erstes Konzert war eins von Britney Spears. Aber eigentlich schäme ich mich nicht dafür, damals war sie wirklich hot. DJ Bobo habe ich mal live in Las Vegas gesehen, weil ich seinen Choreografen kenne. Das war irgendwie absurd, DJ Bobo in Vegas, lustig und beeindruckend zugleich.

Schauen und hören Sie bei Konzerten anders zu, seit Sie selber in einer Band sind?
Ja, total. Auch die Anzahl Konzertbesuche ist seitdem drastisch gestiegen. Beim Zuschauen ertappe ich mich jeweils dabei, wie ich nur den Gitarristen verfolge. Es fasziniert mich, wie unglaublich kontrolliert sie sind, welchen Sound sie aus den Fingern saugen. Seit ich selber spiele, habe ich noch mehr Respekt vor ihrem Können. Wenn du Roger Federer zusiehst, lässt er alles unglaublich leicht aussehen. Wenn du selber spielst, denkst du, oh wow, krass, das ist echt verdammt schwierig.

Da ist sie wieder, die Parallele zum Sport.  Blum ist ein Eishockey-Musterprofi, dessen Coolness nicht über seine Disziplin hinwegtäuschen soll. «Auf der einen Seite ist er relaxed, auf der andern arbeitet er hart, ist immer top ‹in shape›», so der letztjährige SCB-Trainer Lars Leuenberger. Zudem sei er stets aufmerksam und interessiert. Genau so ist es auch in der Musik, über sein Lieblingsinstrument will er alles bis ins letzte Detail wissen. Das zeigt sich im Yeahman-Gitarrenladen in Bern, der sich hinter einer versteckten Kellertür verbirgt. Die Schatzkammer für Musikliebhaber mit rund 150 Gitarrenmodellen aus aller Welt und verschiedenen Jahrzehnten entdeckt Blum, als er eine alte Marshall-Verstärkerbox neu überziehen will. 

Diesmal hat er eine Gitarre dabei; ein Geschenk eines Kollegen aus den USA. «Kannst du die mal anschauen?», fragt er Ladenbesitzer Michael Marti. Das Gespräch fängt bei der Qualität des Modells an, führt über ein anderes namens Flying Banana und den Marshall von Stevie Ray Vaughan bis hin zum auf alt gemachten Patinalook, den Blum besonders mag. Nach einer Stunde Fachsimpelei ringt Blum mit der Entscheidung, zusätzlich zu seinen «acht Babys» noch eines zu kaufen. «Ich will kein Sammler sein und habe jetzt schon keine Zeit, alle zu spielen. Aber die ist einfach ‹badass›, da fällt es mir schwer, mich zurückzuhalten.» Später ist er nochmals hin- und hergerissen. Als er bemerkt, dass er während des Yeahman’s Guitar Fest Mitte September in Burgdorf mit seinem Team in Davos spielt. Er hadert nicht lange. «Vielleicht klappts nächstes Jahr.»

Ich brauche die Musik, um nach den Spielen runterzukommen


Wegen des Sports bleibt wenig Zeit für die Musik. Hilft Ihnen die Musik umgekehrt als Ausgleich zum Sport?
Ja, ich brauche die Musik, um nach den Spielen runterzukommen. Das Adrenalin jagt jeweils durch den Körper und das sehr spät abends oder nachts. Im Bus höre ich Blues, das beruhigt mich und lenkt mich ab, wenn ich einen Scheiss gespielt habe. Und zu Hause spiele ich dann noch ein bisschen Gitarre, weil ich eh nicht sofort schlafen kann.

Hauen Sie dann auch mal richtig in die Saiten, um Dampf abzulassen?
Das kann schon vorkommen. Aber nur im Bandraum, aus Rücksicht auf die Nachbarn zu Hause. Und eigentlich bin ich eher der sensible, emotionale Typ, auch in der Musik.

Könnten Sie sich vorstellen, nach Ihrer Hockeykarriere voll auf die Musik zu setzen?
Nein, da muss ich ehrlich sein, da wäre ich zu wenig gut. Ich habe viele Musikerkollegen, und wenn ich ihnen zusehe und zuhöre, denke ich: Wow, das ist ein ganz anderes Kaliber. Im Sport ist es auch so: Ein Hobby-Eishockeyspieler kann nicht einfach sagen, cool, ich mache jetzt mal auf Profi. Wir haben aber einen Traum: Mit der Band einmal eine eigene CD rauszubringen. Aber das eilt nicht.

Vorerst steht für Eric Blum noch einiges andere an. Sportlich die Verteidigung des Schweizer-Meister-Titels mit dem SC Bern. Und noch zuvor: der Siebdruckkurs, den er momentan besucht. Denn neben Musik und Eishockey hat er ja noch ein drittes zeitintensives Hobby. Er ist auch noch Hutmacher. Doch darüber will er nicht ausführlich reden. «Ich möchte meine Popularität nicht ausnutzen, um die Hüte zu verkaufen.» Der Künstler auf Eis, Bühne und im Atelier ist vielseitig, extrovertiert, bescheiden. Und konsequent. Er widersteht – zumindest vorerst – dem Kauf einer neunten Gitarre.

Auch interessant