Der ruhige Regent Hausbesuch bei Schwingerkönig Matthias Glarner

Königsweihen und eine militärische Beförderung. Glarner Matthias, 30, düpiert die Eidgenossenschaft. Nervös wird dabei nur seine Freundin Claudia. 

Blümlisalp-Strasse, Heimberg BE. Die Adresse des neuen Schwingerkönigs tönt wie Gotthelf, Rütli und Ballenberg zusammen. Die Realität ist weniger museal: eine moderne Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit offener Küche, Flachbildschirm und Gartensitzplatz. Am Briefkasten prangt die nachbarschaftliche Gratulation der Familie Locher in blauer Schrift auf A4-Papier: «Gratuliere zum Schwingerkönig 2016. Hesch super gmacht.» Schnickschnack oder Girlanden sucht man vergeblich.

«Guten Morgen - kommt rein», 16 Stunden nach dem bisher grössten Sieg seiner Sportlerkarriere öffnet Matthias Glarner die Tür zu seinem Heim. «Darf ich euch einen Kaffee servieren?» Der Gastgeber legt eine Kapsel in den Automaten. Dass man sich im Reich des neuen Regenten der Eidgenossenschaft befindet, würde man kaum für möglich halten.

Trotz den sportlichen Anstrengungen des Wochenendes strahlt der Berner Oberländer aus Meiringen Gelassenheit und Frische aus. Die Festnacht scheint an ihm ebenso abgeperlt zu sein wie die Hektik um seine Person nach dem finalen Erfolg am Sonntagabend. Doch möglicherweise täuscht das: «Emotionen sind nicht immer sichtbar.»

Seine Freundin Claudia Hediger, 30, vermochte ihre Gefühle in Estavayer kaum zu kontrollieren: «Ich war während des Schlussgangs schrecklich nervös und konnte nicht mehr hinschauen», sagt sie und legt Mätthel zärtlich die Hand auf die Schulter. «Es ist ein schönes Gefühl, die Freundin des Schwingerkönigs zu sein.» Trotz dem Erfolg drohen im kleinen Garten keine Platzprobleme. Der Siegermuni bleibt bei seinem Besitzer, Glarner entschied sich für den Geldwert.

Seit acht Jahren glücklich mit Claudia

Plötzlich berühmt, plötzlich ein Medienstar, plötzlich steht die eigene Welt kopf. Was etwa bei Wenger Kilian 2010 in Frauenfeld der Fall war, wird mit Glarner kaum passieren - zu geerdet ist der Mann, zu fest steht er mit beiden Füssen im Leben: «Es ist ja nicht so, dass ich vor diesem Tag niemand gewesen wäre», sagt er. Sportlich bezieht sich die Aussage auf die 14 Kranzfestsiege und 109 Kränze - 4 davon von eidgenössischem Charakter. Beruflich ist es die Ausbildung zum Polymechaniker und die erfolgreich abgeschlossenen Studien in Sport und Geschichte: «Es ist wichtig, dass man neben dem Sport einen Ausgleich hat.» Glarner arbeitet zu 80 Prozent in der Personalabteilung der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg - als Bindeglied zwischen Direktion und Angestellten.

Halt findet der Schwingerkönig auch in seiner Beziehung zu Claudia. Seit acht Jahren sind die beiden ein Paar, seit zwei Jahren wohnen sie zusammen. Als Direktionsassistentin im Schweizer Fussballverband hat die attraktive Blondine selber einen direkten Bezug zum Sport - für Glarner ein wichtiger Faktor in ihrer glücklichen Beziehung: «Wer mit einem Spitzensportler zusammen ist, muss Verständnis für dieses spezielle Leben aufbringen.» Kennengelernt haben sich die beiden durchs Schwingen: am kantonalbernischen Fest in Ins 2008. Claudia fungierte damals als Ehrendame, Mätthel schritt im Sägemehl zur Tat. Zum Festsieg reichte es ihm zwar nicht, trotzdem verliess er das Fest mit Glücksgefühlen. Er gewann das Herz von Claudia. Hochzeit und Familienplanung sind im Hause Glarner/Hediger momentan noch kein Thema: «Unsere Agenden sind so voll, dass wir keine Zeit haben.»

Der familiäre Support ist auch im unverheirateten Zustand garantiert. Weil Claudias Eltern in Müntschemier im Seeland wohnen, hatte Glarner auf dem Weg zum Königstitel optimale logistische Voraussetzungen. Er übernachtete in der Nähe des Festgeländes, konnte aber dem Rummel entkommen. «Es war wichtig, am Samstagabend etwas Abstand zu nehmen.» Dabei profitierte er von einer vorzüglichen Verköstigung: Seine Schwiegereltern in spe tischten ihm zweimal ein Rindshuft-Filet auf. Matthias: «Im Vorfeld eines Festes ist das Essen sehr wichtig - aber über Mittag bringe ich jeweils höchstens ein paar Gabeln Reis runter.»

Sport ist bei Glarners omnipräsent

Das private Umfeld spielt für Glarner eine entscheidende Rolle - auch weil der Sport im eigenen Elternhaus omnipräsent ist. Seine Geschwister Stefan, 28, und Katrin, 23, bodigen die Konkurrenz mit Spielkunst und Schnelligkeit - er als Aussenläufer des FC Thun, sie als Spielmacherin bei Femina Kickers Worb. Auch Matthias spielte früher Fussball - im Tor der Junioren der SV Meiringen. Doch im Alter von 15 entschied er sich fürs Schwingen: «Im Fussball hätte ich es wohl nur in die dritte Liga geschafft.»

Es war eine perfekte Wahl. Denn zu höheren Weihen als im Sägemehl würde es ihm in keinem anderen Sport gereichen - als König einer eigenen Welt. Vor der Krönung stellt er sich nicht nur den Gegnern, sondern auch der Historie. Mit 30 Jahren hat Glarner das Pensionsalter für Schwingerkönige eigentlich erreicht. Erst drei Mannen gelang es, mit einer 3 auf dem Rücken obenaufzuschwingen. «Es war eine Frage der Zeit, bis wieder einmal ein über 30-jähriger Schwinger König wird», sagt Glarner, «die modernen Methoden erlauben ein viel gezielteres Training als früher.» Man könne so um rund vier bis fünf Jahre länger auf höchstem Niveau Sport treiben. Ob er dieses ungeschriebene Gesetz vor Augen gehabt habe, wollte ein Reporter wissen: «Gesetze sind zum brechen da», sagt Glarner mit einem schalkhaften Lächeln.

In Payerne bricht Glarner das Gesetz des Alters mit Routine und technischer Klasse - und befördert Orlik Armon nach 13:30 dramatischen Minuten ins Sägemehl. Es ist der Triumph eines Athleten, der seit Jahren auf höchstem Niveau schwingt, aber trotzdem im Schatten der Berner Giganten gestanden hat. «Das war mir ganz recht - so konnte ich mich optimal aufs Eidgenössische vorbereiten.» Mit der Ruhe ist es nun vorbei. Kurz nach dem Schlussgang hatte Glarner bereits 500 Mitteilungen auf seinem Handy. Zu den ersten Gratulanten zählte Armee-Chef André Blattmann. Das Schweizer Militär sieht für den Schwingerkönig ein besonderes Privileg vor. Es befördert ihn auf dem kurzen Dienstweg zum Gefreiten. Im Sport ist dies drei Kategorien von Würdenträgern vorbehalten: Weltmeistern, Olympiasiegern - und dem König der Schwinger.

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