Fabian Cancellara über sein Leben nach Olympia «Ich habe im Familienleben viel verpasst»

Der Olympiasieg in Rio ist die Krönung seiner Karriere. «Für mich stimmt alles, so wie es jetzt ist.» Nun spricht der Berner Fabian Cancellara über die Hassliebe zum Radsport, seine beruflichen Pläne und die Erziehung seiner Töchter.
Fabian Cancellara Interview nach Olympia Frau Familie
© Remo Nägeli

Ganz entspannt: Fabian Cancellara in Bolligen BE, ein paar Wochen nach seinem Sieg in Rio.

Der Termin war bereits lange vor den Olympischen Spielen in Rio abgemacht, mit der Goldmedaille im Zeitfahren hat er zusätzlich an Wert gewonnen: eine persönliche Ausfahrt mit Fabian Cancellara! Das war der innige Wunsch des holländischen Uhren-Journalisten und passionierten Velofahrers Lex Stolk. IWC machte den Termin mit dem frischgebackenen Olympiasieger möglich – und lud noch die Schweizer Illustrierte ein. Von Bern aus ging es durchs Gürbetal Rich-tung Thun und über Münsingen und Bolligen wieder zurück nach Bern. Eine Tour also in unmittelbarer Umgebung von Cancellaras Heimat. Insgesamt 66 Kilometer lang. «Für mich ist das aktive Erholung», sagt der 35-jährige Radprofi, der in wenigen Monaten seine Aktiv-Karriere beenden wird. Fabian Cancellara fährt aber auch gerne mit seiner Frau Stefanie, 41, und den beiden Töchtern Giuliana, 10, und Elina, 4, Velo. «Dann nehme ich aber auch mal das E-Bike.»

Schweizer Illustrierte: Fabian Cancellara, wie ordnen Sie Ihre Goldmedaille von Rio mit etwas Distanz ein?
Fabian Cancellara: Die Distanz ist tatsächlich da, weil ich wieder zurück in der Realität bin: der Alltag mit den Kindern, die Schule. Das tut gut! Man wird wieder geerdet. Natürlich sind mit dem Olympiasieg neue Termine hinzugekommen, zum Beispiel der offizielle Empfang der Gemeinde Ittigen am vergangenen Samstag. Die Goldmedaille von Rio ist für mich eine Erleichterung, ein Dankeschön. Nun fällt mir der Abschied vom Radrennsport leichter.

Ist sie die Krönung Ihrer Karriere? Ihr grösster Erfolg?
Ja, es ist die Krönung. Ich habe es mir erträumt – und hart dafür gearbeitet. Aber dass es so perfekt aufgehen würde, habe ich nicht erwartet. Es war schliesslich kein Sieg auf Ansage.

Wussten Sie am Start, heute sind Beine und Kopf bereit für Gold?
Am Start war ich einfach auf meine Arbeit konzentriert, auf meine Taktik, wie ich das Rennen bestreiten wollte. Ich habe alles andere ausblenden können. Auch dass es mein letztes wichtiges Rennen sein sollte. Dass es um Olympiamedaillen ging.

Nach grossen Rennen und Rundfahrten sind Sie oft in ein Loch gefallen. Diesmal auch?
In diesem Jahr war es sicher speziell, weil ich jeweils wusste: Es ist meine letzte Tour de Suisse, meine letzte Tour de France. Doch nun, nach dem Olympiasieg, war ich einfach überglücklich. Ich kehrte sofort zurück, war rasch wieder im Familienalltag mit Hausaufgaben, Kita, Jazz-Ballett. Ich schlafe nicht aus, sondern stehe am Morgen früh auf und bin für die Kinder da.

Sie wollten unbedingt am Freitag, 12. August, zurückkehren, um Ihren zehnten Hochzeitstag mit Stefanie zu feiern. Wie wars?
Mega cool! Wir haben daheim mit Familie und Freunden gefeiert. Für mich war es eine tolle Überraschung.

Sie haben verschiedentlich gesagt, dass Sie als Radprofi Ihre Familie vernachlässigt haben.
Man ist immer unterwegs. Und wenn man heimkommt, ist man ein Fremdkörper. Zwar Ehemann, Vater, Familienmitglied – aber man gehört doch nicht richtig dazu, weil man in diesem funktionierenden System stört. Das meine ich nicht negativ, es ist einfach so. Eine Woche unterwegs, dann zwei Tage zu Hause, wieder eine Woche unterwegs und so weiter – so kann das Familienleben nicht funktionieren.

Hat sich das über all die Jahre eher verschärft?
Ja, weil der Job als Velorennfahrer intensiver ist als vor zehn Jahren: mehr Training, mehr Verpflichtungen gegenüber Team, Sponsoren und Medien. Daher habe ich viel im Familienleben verpasst, Tanzaufführungen und Schultheater der Kinder zum Beispiel.

Haben sich die Kinder in dieser Zeit sogar etwas entfremdet?
Nein, das nicht. Mit FaceTime kann man sich heute täglich sehen und austauschen. Aber bei einem unregelmässigen Familienleben kommt immer etwas zu kurz. Es ist jetzt aber auch eine neue Herausforderung, wenn ich mehr daheim bin. Bis jetzt war Stefanie ja quasi alleinerziehend.

Ist Stefanie strenger als Sie?
Nein, ich würde sagen, ich bin strenger.

Tatsächlich?
Oft sind Väter weniger konsequent als Mütter. Ja, Stefanie war natürlich mehr gefordert. Aber ich erbringe meinen Part in der Erziehung auch. Jetzt ist aber die Zeit gekommen, etwas zurückzugeben.

Weil Sie bisher mehr profitieren konnten.
Ja, aber das ist mit meinem Job nicht anders gegangen. Doch ich bin nie der Typ gewesen, der von einem Radrennen nach Hause gekommen ist und verwöhnt werden musste. Niemand musste für mich nach dem Training noch einen Teller Pasta kochen oder den Koffer packen oder die Wäsche machen.

Nun suchen Sie für die Zeit nach Ihrem Rücktritt eine «sinnvolle Arbeit». Was meinen Sie damit?
Ich bleibe sicher dem Radsport verbunden – ich habe ein Mandat bei Trek, bin beteiligt beim Speedometer-Start-up Omata, zudem bleibe ich Botschafter von IWC. Aber ich möchte mich auch weiterbilden, am liebsten im Bereich Wirtschaft, und mein Englisch verbessern. Wie im Radrennsport fängt man auch im Business bei null an, lernt dazu und arbeitet sich dann nach oben. Man kann ja nicht einfach als Chef eine Firma übernehmen.

Im Silicon Valley heisst es: «Cycling is the new golf». Sie könnten für die Topshots aus der Wirtschaft exklusive Velotrainings leiten.
Ja, ich möchte mich auf jeden Fall im Velosport engagieren, ob für Kinder, im Breitensport oder für Velo-Freaks. Da gibts Potenzial, da kann ich etwas weitergeben. Der Sport hat mir in den vergangenen 16 Jahren auch viel gegeben.

Fabian Cancellara IWC Uhr nach Olympia
© Remo Nägeli

Gratulation zu Olympia-Gold: IWC-Manager Linus Fuchs übereicht Fäbu eine IWC Big Pilot's Watch Spitfire in Gold.

Ist der Radrennsport eigentlich die härteste Sportart, die es gibt?
Ich weiss nicht. Ich glaube, Triathlon über die Ironman-Distanz ist härter.

Ist es die schönste?
Es ist die vielseitigste.

Ja? Trotz der Monotonie, jeden Tag Hunderte von Kilometern fahren zu müssen?
Es gibt nur die Monotonie des Fahrens. Aber das ist gesund, weil es die Knie nicht schädigt. Das Vielseitige am Radrennsport ist, dass man an Orte kommt, an die man in anderen Sportarten nie hinkommen würde.

Ich fahre selber auch gerne Rennvelo, ein-, zweimal pro Woche. Aber wenn ich mir vorstelle, an einer Tour de France drei Wochen lang jeden Tag 200 Kilometer auf diesem Niveau Velo zu fahren, nie alleine zu sein, ständig in heruntergekommenen Hotels zu übernachten, oft noch zu zweit im Zimmer, immer die gleiche Pasta zu essen, dann frage ich mich: Macht das wirklich Spass?
Mit den Jahren ist es mehr zur Hassliebe geworden. Man wird ja auch älter und komplizierter. Ich hatte zuletzt immer das eigene Kissen, die eigene Decke da- bei und schätzte es, wenn ich ein Einzelzimmer bekommen habe. Aber wenn man jung ist, überlegt man nicht so viel. Alles ist neu und faszinierend. Wobei: Jeden Tag 200 Kilometer zu fahren, ist für mich nichts Spezielles. Ich kenne das ja. Ein Maler malt auch den ganzen Tag lang.

Würden Sie wieder Veloprofi werden, wenn Sie sich nochmals entscheiden müssten? 
(Lange Pause.)

Jetzt denken Sie aber lange nach.
Nein, für mich persönlich muss ich nicht nachdenken. Ich bereue es nicht.

Sie haben in Ihrer Karriere auch sehr gut verdient!
Im Verhältnis zur Leistung, die man erbringen muss, und zu anderen Sportarten, Fussball zum Beispiel, ist der Radsport nicht extrem gut bezahlt. Aber am Schluss gehts nicht ums Geld, sondern um Leidenschaft. Trotzdem würde ich meinen Töchtern nicht unbedingt raten, Veloprofi zu werden. Sie müssen ihren eigenen Weg finden und gehen.

Gibt es Dinge in Ihrer Laufbahn, die Sie im Rückblick anders machen würden?
Nein, für mich stimmt alles so, wie es jetzt ist. Ich möchte nichts ändern, denn dann würde etwas anderes in diesem Puzzle nicht mehr zusammenpassen. Jetzt, mit der Goldmedaille in Rio, kann ich sagen: Ich bin sehr zufrieden, sehr stolz und sehr glücklich, wie weit ich gekommen bin. Das ist nicht selbstverständlich.

Sie haben nach dem Olympia- sieg viele Gratulationen erhalten. Was hat Sie am meisten berührt?
Am meisten haben mich die ganz persönlichen Gratulationen und Dankesbriefe gefreut – von Leuten, die in mir nicht nur den Athleten, sondern den Menschen sehen. Auch in Ittigen haben die Leute viel emotionaler reagiert als nach meinem Olympiasieg in Peking 2008.

Bleiben Sie eigentlich mit Ihrer Familie in Ittigen?
Ja, auf jeden Fall!

Auswandern ist kein Thema? Nach Belgien zum Beispiel, wo Sie so viele Fans haben.
Nie im Leben! Nichts gegen Belgien, aber es ist nicht mein Land. Ich schätze meine Heimat, meine Umgebung, meine Freunde hier. Und dieses bekannte Umfeld ist auch für unsere Kinder sehr wichtig.

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