Joel Basman «Wir sind alle behindert»

Im Film «Vielen Dank für Nichts» spielt der Zürcher Joel Basman, 24, einen querschnittsgelähmten Jugendlichen, der sein Schicksal nur schwer akzeptieren kann. Doch gemeinsam mit zwei Freunden beginnt er, die Behinderung für sich zu nutzen - und rächt sich an seinem Schicksal. Mit SI online sprach er über schwarzen Humor, Akzeptanz und Emotionen.
Joel Basman im Rollstuhl für Film
© zvg

Joel Basman spielt Valentin, der nach einem Snowboard-Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist.

SI online: Joel Basman, was ist für Sie «behindert»?
Joel Basman: Ich finde, dass Menschen, die im Rollstuhl sitzen, nicht mehr oder weniger behindert sind als wir. Bei ihnen sieht man das Defizit halt auf den ersten Blick. Aber wir behindern uns selbst mit unseren Vorstellungen, wie wir es dem Umfeld und der Gesellschaft recht machen müssen. Was ich eigentlich viel behinderter finde. Leb mal Dein Leben und hör auf, für andere zu existieren: Wir sind alle behindert.

Das sind sie auch in Ihrem neusten Film. Sie drehten in einer echten Behindertenklinik.
Das war eine super Erfahrung. Zwischendurch gabs Verständigungsprobleme, aber meine beiden Jungs (Zwei Laienschauspieler der Wohngruppe: Nikki Rappl und Bastian Wurbs, Anm. d. Red.), die ich an meiner Seite hatte, haben mir immer geholfen. Man musste für jede einzelne Person eine Art eigene Sprache entwickeln. Das war sehr spannend. Den grössten Teil der Wohngruppe lernte ich direkt am ersten Drehtag kennen.

Es gab doch sicher Berührungsängste.
Für sie war ich einfach ein Neuer im Heim. Das hat wunderbar funktioniert. Da herrscht eine so ehrliche Herzlichkeit. Du kommst dahin und dann taucht der selbsternannte Polizist Marcello auf, schaut Dich an, gibt Dir eine Busse, klopft Dir einmal auf die Schulter, dann bist Du akzeptiert. Dann kommt Anneliese, fasst Dir ins Gesicht, sagt Hallo und geht wieder. Und das wiederholt sich dann mehrmals. Ich wusste schon am ersten Tag alle Namen, weil sie sich mir immer wieder neu vorgestellt haben (lacht). Wir haben die Kennenlern-Situation für den Film genutzt. Und wir drehten möglichst chronologisch.

Haben Sie aus Ihrem privaten Umfeld schon Erfahrung mit behinderten Menschen?
Ich habe niemanden im engen Freundeskreis, der im Rollstuhl sitzt. Aber durch die Arbeit meiner Eltern gabs auch schon Begegnungen. Sie sind Modedesigner und führen ein Modeatelier. Da kommen Menschen im Rollstuhl, Riesen oder auch ganz kleine Menschen, für die meine Eltern Kleider schneidern. Als Kind machte mich das neugierig. Da denkt man nicht darüber nach, ob es dieser Person schlecht geht, sondern nur: Ich will auch so einen coolen Stuhl. Und ich stellte auch Fragen.

Was wollten Sie denn wissen?
Auf jeden Fall interessierte mich, wie schnell denn so ein Rollstuhl fährt. Das ist als Bub das erste, das einen interessiert.

Und?
Es ist unterschiedlich. Je nach Gewicht des Stuhls. Zwischen 20 und 30 Kmh.

Wie haben Sie es erlebt, selber im Rollstuhl durch die Strassen zu fahren?
Erwachsene wandten sich eher ab. Die Kinder aber haben regelrecht gestarrt. So sehr, dass ihre Eltern sie teilweise wegziehen mussten. Sie wollten wissen, was mit den Typen im Rollstuhl los ist. Diese Direktheit habe ich auch im Heim erlebt.

Auch negativ?
Klar. Straight und ehrlich. Dann hiess es: Du nervst mich jetzt, geh raus. Aber das ist wunderbar. Die Welt wäre um einiges einfacher, wenn wir so miteinander reden würden. Wir kommunizieren immer über versteckte Botschaften und denken zu viel nach, was andere Leute denken. Wenn man sauer ist, sollte man einfach schreien dürfen.

Im Film sind Sie auch so direkt. Teilweise fast schon gemein.
Ich habe mit den Menschen in der Wohngruppe darüber gesprochen. Ich sagte ihnen, dass ich ein paar fiese Sprüche bringen werde. Betonte aber auch, dass sie mir reden sollen, wenn etwas nicht stimmt. Es sollte niemand denken, es sei alles erlaubt, nur, weil wir jetzt einen Film drehen. Oder man müsse deswegen alles ertragen. So hat das gut geklappt. Es war auch eine Frage des Respekts.

Haben Sie auch mal Grenzen überschritten?
Also was sicher passieren kann, ist, dass man etwas als «voll behindert» bezeichnet. Oder wenn ich sage: «So ein Spast», dann meine ich keinen Spast, sondern es ist einfach ein anderes Wort für Idiot. Ich habe ihnen das erklärt. Und sie sagten nur: Weisst Du was? Das ist uns egal. (lacht). Die sitzen nicht da und denken, dass sie von der Welt nicht gemocht werden. Wenn jemand den Sinn des Lebens verstanden hat, dann, finde ich, sind es Basti und Nikki. Sie sind, wie sie sind. Diese ehrliche Art haben wir nicht.

Wie beurteilen Sie als Profi die schauspielerische Leistung der behinderten Laien?
Ich fands grossartig. Ich musste manchmal aufpassen, dass ich ihnen nicht zu sehr zuschaute. Ich habe es genossen, sie spielen zu sehen. Es gibt eine Szene in einer Garage, wo wir eine Waffe kaufen. Wie Basti dort spielt… Marlon Brando könnte sich sich da noch was abschauen. Don Corleone vom Feinsten.

Wissen Sie jetzt, wie es sich anfühlt, an den Rollstuhl gefesselt zu sein?
Ja und Nein. Es wär frech zu sagen, ich wüsste jetzt, wie es sich anfühlt. Aber ich habe einen Eindruck erhalten, was es bedeuten könnte. Mir ist bewusster geworden, dass es wirklich jedem passieren kann. Egal ob Du illegal auf einer Piste gefahren bist oder ohne Velohelm unterwegs bist. Ohne Ausnahmen.

Macht das Angst?
Klar, will man sowas nicht erleben. Das bleibt in Deinem Kopf, es gibt einem zu denken. Ich laufe deswegen aber nicht gepolstert durch die Strassen.

«Vielen Dank für Nichts» mit Joel Basman, ab Donnerstag, 26. Juni 2014 im Kino.

Joel Basman im Rollstuhl für Film
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Nikki Rappl, Joel Basman und Bastian Wurbs (v.l.) im Film «Vielen Dank für Nichts».