Unterwegs auf neuen Pfaden Mountainbikerin Jolanda Neffs Leben nach Olympia

Erst die olympische Enttäuschung, dann der Verlust ihres Velo-Teams. Doch nun macht Jolanda Neff einen Neuanfang: Die Mountainbikerin ist jetzt auch Studentin. 

Die langen blonden Locken sind noch da. Und auch die grosse schwarze Brille, ihr zweites Markenzeichen, ist geblieben. Äusserlich ist Jolanda Neff ganz die Alte, auch wenn sich in ihrem Leben Grundlegendes verändert hat: Die Mountainbikerin, seit der Matura Profisportlerin, studiert seit zwei Wochen Geschichte, Englisch und Französisch. «Es gefällt mir meeega gut», sagt sie in ihrer gewohnt positiven Art.

Im Juli, noch vor Olympia, schreibt sie sich an der Uni Zürich ein. Der Gedanke ist schon länger gereift. Im Februar, kurz vor Saisonstart, sagt sie: «Es fehlt mir, etwas für den Kopf zu tun.» Mit dem Entschluss zum Vollzeit-Studium überrascht die 23-Jährige dennoch ihr Umfeld und auch sich selbst. «Ich bin stolz, dass ich den Schritt gewagt habe, das Thema schwirrte mir schon lange im Kopf herum. Und ich bin froh, dass es alle positiv aufgenommen haben und dass mich Familie und Freunde unterstützen.»

Die Entscheidung fürs Studium sei aber keinesfalls eine gegen ihre Bike-Karriere, stellt Neff klar. Ihr Commitment zum Sport zeigt sich bei Outfits und Accessoires: Velos, wohin man schaut, auf ihrem Langarmshirt genauso wie auf der Stofftasche. «Ich liebe das Velofahren nach wie vor und stecke im Training nicht zurück.» Alle ihre Vorlesungen kann sie montags bis mittwochs besuchen und so den Pendelstress zwischen ihrem Zuhause in Thal SG und Zürich minimieren. «Und wenns mal spät wird, schlafe ich bei meiner besten Freundin.» Neff ist zuversichtlich, alles unter einen Hut bringen zu können.

«Es war Scheisse»

Die Enttäuschungen der Saison 2016 waren nicht der Auslöser für die einschneidende Veränderung in ihrem Sportlerleben. Und das, obwohl Rang 8 an der WM im Juli und der 6. Platz bei Olympia die Ansprüche der Medaillenanwärterin bei Weitem nicht erfüllt hatten. «Man kann es ruhig sagen. Es war Scheisse», platzt es aus ihr heraus. Und passend zu ihrer Lektüre aus der Französisch-Vorlesung - «Les confessions» von Jean-Jacques Rousseau - legt sie einige Geständnisse nach. Ende Mai war sie am Weltcup im französischen La Bresse schwer gestürzt, ignorierte die Schmerzen an der Rippe aber, statt sich rechtzeitig ärztlich untersuchen zu lassen. Die Fehlbelastung hätte dann zu den Rückenproblemen geführt, die sie an den Grossanlässen behinderten. «Und eine Woche vor dem Rennen in Rio bin ich nochmals schwer gestürzt und musste am Ellbogen genäht werden.» Das hatte sie bisher für sich behalten. «Ich wollte keine Entschuldigung bringen. Ich hätte es als respektlos empfunden gegenüber der Leistung meiner Gegnerinnen. Und ausserdem bin ich ja an allem selber schuld», geht die Athletin hart mit sich ins Gericht. Die Kritiker, die sagen, sie könne dem Druck an Gross-Events nicht standhalten, kann sie wohl auch mit den neuen Argumenten nicht zum Schweigen bringen. Ihr ists egal: «Ich weiss, dass ich mental stark bin. Vor zwei Jahren gewann ich einen Tag nach dem tödlichen Unfall meiner Freundin ein Weltcup-Rennen. Das war viel schwerer als jeder noch so grosse Wettkampf.»

Damit Kopf und Körper in Zukunft wieder harmonieren, hat sie aus der abgelaufenen Saison ihre Lehren gezogen: «Ich brauche wohl einen Monat, um von einem schweren Sturz vollständig erholt zu sein.» Das ist heute, einen Monat nach Olympia, der Fall. Dafür hat sie etwas anderes zu verdauen: Sie verliert ihren Arbeitgeber. Das Stöckli Pro-Team, bei dem sie seit zwei Jahren unter Vertrag steht, wird aufgelöst, die Firma zieht sich komplett aus dem Bike-Rennsport zurück. «Ich habe deswegen nicht gerade Existenzängste, aber trotzdem ist es ein Schock.» Nun sind verschiedene Angebote und Möglichkeiten auf dem Tisch; in den nächsten Wochen wird sich herausstellen, wie und mit welchem Team es für Neff weitergeht.

Wenn sie im Lichthof der Zürcher Universität sitzt, einen ihrer fünf Kaffees am Tag trinkt und sich mit ihren Mitstudenten unterhält, sind diese Sportthemen weit weg. Stattdessen stehen das aktuelle Weltgeschehen oder die nächste Vorlesung in Medizingeschichte im Vordergrund. Das geniesst Jolanda Neff. Auch wenn die Kombination von Studium und Spitzensport bedeutet, dass ihre Agenda jetzt noch praller gefüllt ist als vorher. «Auf gesellschaftliche Events muss ich nun halt öfter verzichten.» Sollte sie das einmal vergessen, wird sie spätestens beim Griff zur Agenda daran erinnert. Auf deren Umschlag steht in grossen Buchstaben: «I am very busy.»

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