Forrer & Giger im Gespräch vor dem ESAF 2016 Der Erbe des Bösen

Nöldi Forrer ist Schwingerkönig von 2001 und erfolgreichster Kranzgewinner in der Geschichte des Schwingens. Das Thurgauer Jahrzehnttalent Samuel Giger könnte ein würdiger Nachfolger des Toggenburgers für den stolzen NOS-Verband sein. Ein Gespräch zwischen zwei bösen Riesen und zwei Schwinger-Generationen über Kraft, Arbeit imKopf und wiederentdeckten Spass am Schwingen.
ESAF 2016 Samuel Giger Schwinger und Nöldi Forrer Fotos
© Sandro Bäbler

Männer wie Bäume: Der 18-jährige Samuel Giger (l., 1,93 m, 105 Kilo) und der 37-jährige Nöldi Forrer (1,94 m, 115 Kilo) stehen in Ottoberg TG im Wald. 

Schweizer Illustrierte: Nöldi Forrer, Sie sind mehr als doppelt so alt wie Sämi Giger und eine Schwing-Legende. Sehen Sie ein wenig vom jungen Forrer in ihm?
Forrer: Ich sehe vor allem einen Jungen, Unerschrockenen. Er ist einer, der schwingen will. Es ist schön, ihm zuzuschauen. Wie angriffig er ist, wie er schöne Schwünge macht. Und ein Gegner muss bei ihm immer aufpassen.

Und was sehen Sie in Altmeister Forrer?
Giger: Mir imponiert, dass Nöldi schon so lange dabei ist. Als Bub ging ich zu ihm Autogramme holen, eins hängt noch im Zimmer. Ich habe Nöldi und die anderen grossen Schwinger immer bestaunt. Mittlerweile schwinge ich mit ihnen. Das ist eindrücklich. Zu Beginn der Saison hätte ich nicht gedacht, dass du wieder so parat bist (lacht).
Forrer: Ich auch nicht. Ich wusste lange nicht, wo ich stehe. Denn ich konnte erst spät mit dem Schwingtraining beginnen. Weil ich die Schulter operieren musste. Ich hatte 2015 auf der Schwägalp mit dem Stucki Chrigu ja einen kleinen Zwischenfall. Drei Sehnen waren abgerissen, die Kapsel lädiert. Es war ein grober Eingriff. Dass es überhaupt noch mal so gut kam, ist ein kleines Wunder.

Sie haben eine grosse Routine. Wissen Sie genau, wie sich der Körper anfühlen muss, damit Sie zu den Besten zu gehören?
Forrer: Ich weiss, wenn ich körperlich bereit bin, dann stimmts auch im Kopf. Und wenns bei mir im Kopf stimmt, dann schwinge ich gut. Ich wusste, ich bin körperlich fit und ich bin gesund. Aber die Gradmesser von früher fehlen mir im Training. Früher hatte ich einen Abderhalden, Roth, Götte.

Wenn du ihn nicht kennst, musst du ihn einfach nehmen



Ist das fehlende Wissen über die Qualitäten anderer Schwinger ein Nachteil für einen jungen Schwinger wie Sie, Sämi?
Giger: Nein. Ich bin erst 18 und habe noch überhaupt nichts zu verlieren.
Forrer: Ich auch nicht mehr. (lacht)
Giger: Nöldi hat 20 Jahre mehr Routine.
Forrer: Sag das nicht!
Giger: Okay, 15 Jahre.
Forrer: Wir haben früher immer gesagt: Wenn du ihn nicht kennst, musst du ihn einfach nehmen. Als junger Schwinger habe ich gar nicht überlegt, was zu tun ist. Natürlich wusste ich gewisse Dinge. Wenn einer stark ist im Kurz, greifst du nicht im Gammen rechts an. Solche Sachen. Aber ich war nie nervös, ich redete bis vor dem Gang mit meinem Gegner. Dann hiess es: Ihr müsst rein. Irgendwann sagte mir dann einer, dass er sich gern vorbereiten würde. Dass ich ihn mit dem dauernden Reden kaputt mache. Mir war das als Junger gar nicht bewusst. Also redete ich nicht mehr mit den anderen.

Was überlegen Sie sich während des Gangs mit einem Spitzenschwinger?
Giger: Am einfachsten ist es, wenn alles automatisch kommt.
Forrer: Du weisst, dass es nicht viele Fehler verträgt. Du musst aufpassen. Gegen Stucki weiss jeder, dass er nicht zu gerade an ihn heran oder in Rücklage geraten darf. Sonst fällt er auf dich drauf. Dann ist es passiert.

Was ist sonst noch anders, wenn man ein junger Schwinger ist?
Forrer: Damals liess ich mich oft ziehen. Denn ich war mir fast sicher, dass ich irgendwie noch rauskomme. Und ich verlor damals auch selten. Im Alter wird man ein wenig langsamer. Da verträgt es nichts mehr.

Sie haben dreimal miteinander geschwungen. Zweimal gewann Sämi, auf dem Ricken 2015 und beim Thurgauer 2016. Beim St. Galler 2016 gab es einen Gestellten. Was nehmen Sie beide aus dem Generationenvergleich mit?
Forrer: Hätte ich beim St. Galler doch gewonnen, gopfertelli! (grinst) Eigentlich hatte ich dich ja unten.
Giger: Ich habe es in der Aufzeichnung nochmal gesehen und hätte nicht gedacht, dass ich so gerade runterging.
Forrer: Doch, zack, dann gehst du wieder rauf wie eine Feder.

Sämi kurzt einen Bösch mit 145 Kilo raus. Wen soll er dann nicht kurzen?



Was kann Sämi noch lernen?
Forrer: Natürlich kann er sich in der Bodenarbeit verbessern. Das war bei mir auch so. Aber solange er von oben herunter gewinnt, braucht er das weniger. Ich habe früher nie am Boden geschwungen, weil ich wusste, von oben herunter gibt es die 10, und am Boden brauche ich zu viel Kraft. Also habe ich jeden aufstehen lassen. Letztendlich habe ich damals fast jeden gewonnen. Aber irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem du immer öfter gestellte Gänge hast. Dann sagst du dir: Dann gehe ich halt zu Boden und kehre ihn. Aber an deiner Stelle würde ich auch nicht zu Boden. Eine halbe Minute Bodenarbeit braucht so viel Pfuus wie eine Minute Standschwingen.

Welche Qualitäten hat die neue Generation wie Giger, Wicky, Käser und Orlik?
Forrer: Sämi ist ganz gefährlich für jeden in der Spitze. Egal für wen. Er kurzt einen Bösch mit 145 Kilo raus (rollt die Augen). Wen soll er dann nicht kurzen? Dann gibt es vielleicht noch Stucki, der noch ein paar Gramm schwerer und noch ein paar Zentimeter grösser ist. Aber wenn er dort richtig reinkommt, zupft er auch den weg. Er kann jeden nehmen. Durch seine offensive Schwingweise kann er aber auch eher mal drunterkommen. Übers Ganze gesehen hat er fast nur Pluspunkte. Orlik ist einer, der sehr wenig verliert. Er ist jedoch eine Spur vorsichtiger und nicht für alle so gefährlich wie Sämi. Wicky hat seine Schwünge und seine Explosivität. Bei denen, die ihn kennen und halten können, kommt er aber an seine Grenzen. Weil er nicht der Grösste ist. Er ist aber sehr kompakt, für seine Grösse brutal stark. Käser zeichnet aus, dass er mit gewissen Gegnern in der Flanke schwingen kann. Aber er kann in den Griffen auch Kurz ziehen. Dadurch ist er unangenehm. Wenn einer aber richtig schwer und gross ist, bekommt er Mühe. Sämi ist unter den Jungen der Einzige, der gegen die Grossen skrupellos ziehen kann.

Wie können Sie Ihre Fähigkeit erklären?
Giger: Ich habe auch Glück. Jeder hat halt seine Postur. Den Muskelaufbau kann man zwar steuern, aber die Körpergrösse nicht. Ich bin 1,93 Meter gross. Ich war schon als Kind einer der Grösseren. Damals noch etwas schwerer, etwas runder. Ab der sechsten Klasse ging ich dann richtig in die Höhe, wurde schlanker. Ich hatte nie einen Wachstumsschub. Ich bin stetig gewachsen.

Ende letzten Jahres dachten viele: Schön, wenn der Forrer noch ein paar Kränze gewinnt. Jetzt läuft es Ihnen wieder gut. Was ist im besten Fall möglich?
Forrer: Ich mache mir keine Gedanken. Ich bin einfach dankbar, dass die Schulter wieder hält. Ich gehe von Fest zu Fest und habe Spass am Schwingen. Und wenn ich Spass am Schwingen habe, schwinge ich auch gut.

Geniessen Sie es heute bewusster?
Forrer: Früher war ein Fest oft sehr ermüdend. Auch mental. Am Mittag freute ich mich manchmal schon auf den Abend. Und manchmal sehnte man sich den September herbei. Damit man geniessen kann. Jetzt hätte ich am liebsten, wenn es nochmal Mai wäre. Ich geniesse jedes Fest. Ich schwinge jedes Fest so, als ob es das letzte sei. Der Spassfaktor ist wesentlich grösser als die vergangenen zwei bis vier Jahre.
Giger: Ich habe den Vorteil, dass ich kaum nervös bin vor den Schwingfesten. Ich glaube, ich geniesse es jetzt schon.
Forrer: Kommt alles noch! Im Alter. Je älter man wird, je nervöser wird man.

Die Nordostschweizer stehen mit Leuten wie Orlik, Forrer, Giger, Bösch, Bless oder Zwyssig nicht so schlecht da. Reicht das, um die Berner am Eidgenössischen mindestens ein wenig zu ärgern?
Forrer: Uns fehlt das breite Feld. Die Berner haben das. Sie haben viele Spitzenschwinger und gute Mittelschwinger, die jedem ein Bein stellen können. Die sind in der Ostschweiz etwas dünner gesät. Auch die Innerschweizer sind dort wohl besser aufgestellt. Eigentlich liegt die Favoritenrolle im Bernbiet und in der Innerschweiz. (grinst)

Wer ist aus der Ferne betrachtet der Mann, den es zu schlagen gilt? Sempach?
Giger: Sempach habe ich am Oberaargauischen gesehen. Dort hat er mal schnell vier Eidgenossen gekehrt, gschpunne! An anderen Festen hat er dagegen ein paar Niederlagen kassiert und Gestellte gehabt, die eher überraschend waren.
Forrer: Einen, der heraussticht, gibt es in diesem Jahr eigentlich in keinem Verband.

Aber schaut man auf den König? Schauen Sie, wie er schwingt und gewinnt?
Forrer: Er schwingt teilweise anders. Seinen Spezial habe ich noch nicht oft gesehen. Fussstich habe ich gesehen.
Giger: Ja, innerer Haken, dann geht er zurück, wartet einen Moment, dann kommt er in den Fussstich hinein.

Man darf sogar noch ein Panaché trinken, dann schläft man nachher gut



Sie schauen genau hin.
Giger: Klar, wenn ich die Möglichkeit habe, dann muss ich das nutzen. Auch wenn ich mir sicher nicht alles merken kann.

Welchen Tipp können Sie Sämi vor dem Eidgenössischen geben?
Forrer: Wir gingen jeweils im Klub zusammen hin, schliefen meist in einer Militärunterkunft. Ich hätte Hotelzimmer haben können, aber das wollte ich nicht. Ich wollte nicht zu viel überlegen. Ich bin lieber mit allen zusammen, mache Spässe. Man darf sogar noch ein Panaché trinken, dann schläft man nachher gut. Eins schadet nicht. (lacht)

Welche Kopfarbeit haben Sie gemacht?
Forrer: In den Wochen zuvor beschäftigte ich mich bewusst mit dem Eidgenössischen. Ich stellte mir vor, wie ich ins Stadion laufe. Ging im Kopf acht Gänge durch. Ich ging beispielsweise in die Sauna und überlegte mir mit geschlossenen Augen jeden einzelnen Gang. Immer mit verschiedenen Gegnern. Am Ende war die Uhr unten, und ich war Schwingerkönig. Damals war ich in Sursee in der Molkereischule, dort hatte es ein Fitnessstudio mit Sauna. Weil ich die Hitze so unerträglich fand, musste ich mir etwas suchen, worauf ich mich konzentrieren konnte. Vielleicht war ich dann auch mal zu lange da drin. Eine halbe Stunde oder so. Aber ich war so im Eifer. Und vielleicht half das auch, dass ich König wurde. Das nahm mir die Nervosität.

Wann wissen Sie: Den gewinne ich!
Giger: Beim St. Galler gegen Bösch spürte ich, dass ich ihn unbedingt gewinnen wollte. Mir wäre es auch egal gewesen, wenn ich in einen Konter gelaufen wäre.
Forrer: (ironisch) Ach was, das hat man gar nicht gesehen!
Giger: Weil ich es unbedingt wollte, klappte es. Das war zumindest mein Gefühl. Auch wenn ich wahrscheinlich in den Konter hätte laufen können. Das passierte mir dann im zweiten Gang gegen Zwyssig. Weil ich mir so sicher war: Den Cheib kehre ich gleich auch noch. Das war ein Lehrblätz. Aber grundsätzlich entspricht es meiner Art. Wenn ich schwinge, will ich gewinnen.

Sie, Nöldi, sind auf den Schwingplätzen sehr populär. Wird das auch Sämi?
Forrer: Er macht das gut. Sämi ist offen, umgänglich, sympathisch. Neben mir vielleicht der Sympathischste. (lacht) Ich bin auch angeeckt, weil ich immer sage, was ich denke. Aber unter dem Strich haben sie immer noch mehr Freude, wenn ich schwinge, als wenn ich aufhöre. Ich glaube, auch in der Innerschweiz schätzen sie mich. Im Bernbiet ist es wieder besser. An Sämi haben sowieso noch alle Freude. Er ist ein junges Talent.
Giger: Mit den Jahren wird das vielleicht auch anders. Wo es Erfolg gibt, gibt es sicher auch Neider.

So wie Sie sich jetzt präsentieren, könnten Sie noch einige Jahre weiter schwingen. Was haben Sie noch vor?
Forrer: Sie sollten mich sehen, wenn ich aufstehe. (grinst) Nein, ganz so lange mache ich nicht mehr weiter. Obwohl es körperlich recht gut geht. Das Schwingen ist das eine, aber die Vorarbeit zu leisten, ist jedesmal ein Riesen-Aufwand. In den Kraftraum, aufs Velo, Ausdauer machen, trainieren ohne Fest. Diese Motivation aufzubringen ist schwierig. Momentan habe ich sie noch, aber nicht mehr fünf Jahre.

Was passiert mit Ihrem Körper, wenn Sie nicht konsequent trainieren?
Forrer: Ich bin ein Bewegungsmensch. Wenn ich nicht trainiere, nehme ich mächtig zu. Ich hatte schon dreimal 135 Kilo, also 20 Kilo mehr. Das ist immer im Herbst. Dann kommen die Einladungen, man geht essen, gönnt sich etwas. Irgendwann werde ich unzufrieden und muss dann wieder etwas tun.

Schwingerkönig, 6 eidgenössische Kränze, 46 Kranzfestsiege, 141 Kränze hat Nöldi schon gewonnen (Stand 29. 7. 2016). Bis dahin ist es für Sie ein langer Weg.
Giger: Ja, das sind unglaubliche Zahlen, die zeigen, wie viel er schon geleistet hat. Aber für mich kann es gar kein Ziel sein, dem nachzueifern. Ich will einfach gesund bleiben und Freude am Schwingen haben. Dann kommen die Siege und Kränze von allein.

ESAF 2016 Samuel Giger Schwinger und Nöldi Forrer Fotos
© Keystone

Forrer und Giger beim St. Galler Kantonalen 2016.

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