Chaos, Tod, Verwüstung in Haiti. Christian Rappaz, Sonderkorrespondent von «L'illustré» ist mittendrin. Im Interview mit SI online berichtet er, dass er bereits um sein Leben fürchtete.
Erdbeben-Katastrophe «Es stinkt zum Himmel in Haiti!»
Herr Rappaz, Sie sind seit vergangenem Samstag in Haiti. Beschreiben Sie die Lage vor Ort.
Ich kam mit dem Helikopter von Santo Domingo nach Haiti. Aus der Luft sah ich die Verwüstung. Ich war geschockt: Port-au-Prince sieht aus wie Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges. Auf den Strassen irren Menschen umher, weil ihre Häuser zerstört wurden und sie ihre Angehörigen suchen. Sie schlafen auf Trottoirs, vor Friedhöfen, auf Kreuzungen. Ein riesiges Chaos! Seit Dienstag ist es über 30 Grad warm: Es stinkt enorm. Wir tragen die ganze Zeit Schutzmasken und halten es sogar so kaum aus.
Haben Sie auch Gewalt und Plünderungen erlebt?
Die Menschen sind verzweifelt, weil sie Hunger und Durst haben. Sie schliessen sich teilweise zu Gruppen zusammen um an Nahrung zu kommen. Man muss aufpassen. Letztens sind wir in der Nacht von einem Besuch beim Schweizer Arzt Rolf Maibach durch eine gefährliche Zone zurückgefahren. Da die Elektrizität ausgefallen war, war es wirklich stockdunkel. Wir wussten, wenn wir jetzt eine Panne hätten, wäre das womöglich unser Tod.
Das macht Angst.
Nur gestern bekam ich richtig Angst, als es nochmals ein starkes Beben gab. Das war unheimlich!
Was essen Sie?
Wir ernähren uns von Biskuits. Es ist schwierig an Essen zu kommen und die Schwarzmarktpreise dafür sind horrend – genau wie fürs Benzin. Dafür mussten wir uns in eine kilometerlange Schlange einstellen und warten. Bezahlt haben wir den doppelten Preis.
Hatten Sie direkten Kontakt mit Betroffenen?
Kaum. Die Menschen hier sind zu sehr damit beschäftigt, Wasser und Essen zu suchen.
Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Einerseits die Menschen hier, die Toten, der Geruch und die Zerstörung. Andrerseits beeindruckt mich auch die Hilfe: Am Flughafen sind 43 verschiedene Länder stationiert, die Hilfsgüter anliefern.
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