Auf einen Espresso Über die süsse Sucht nach dem Seichten

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.

Auf einen Espresso, Süsse Sucht nach dem Seichten

FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, haben Sie eigentlich Fernsehen?
Ehrensache, schliesslich wurde es hier in Berlin erfunden.

Und? Schauen Sie?
Immer seltener. Und von Schauen kann keine Rede sein: Ich zappe zehn Minuten, dann kapituliere ich.

Sie spitzen wieder einmal fürchterlich zu. Dabei haben Sie wahrscheinlich an die hundert Sender zur Auswahl ...
Es sind mehr, wie mich der Techniker instruierte, als er den Apparat einrichtete. Was mir im Programmangebot fehlt, sind Schweizer Sender. Das hat aber auch einen Vorteil: Nach dem erfolglosen Zappen darf ich wenigstens hoffen, dass dort etwas qualitativ Besseres zu sehen gewesen wäre.

Was kritisieren Sie denn konkret am Fernsehprogramm?
Idiotische Comedy-Formate. Einfältige und sichtbar billig produzierte Shows oder Serien. Und in den deutschen Sendern natürlich das tägliche Talkshow-Gelaber, das ja schon im Frühstücksfernsehen anhebt. Der Gipfel der Zumutung ist Günther Jauch am Sonntagabend: Ein Quizmaster ohne tiefere politische Kompetenz inszeniert sich selbst in einer bombastischen Kuppel, gross genug für eine Papstmesse, und befragt Deutschlands Minister, sogar die Kanzlerin. Erschütternd, was sich die Politiker bieten lassen!

Es kommt also nichts «Gescheites» mehr. Warum ist das so?
Alles begann mit der absolut willkürlichen Behauptung des ersten RTL-Chefs Helmut Thoma, 14- bis 49-Jährige seien die «werberelevante Zielgruppe». Das war der Startschuss zum Quoten-Fetischismus. Das Fernsehen schielt seither an den Inhalten vorbei nur noch auf die Zuschauer. Was immer die Einschaltquote zu gefährden droht, wird heute in die späten Nachtstunden oder vollends vom Bildschirm verbannt. Nie hat sich ein Medium geistig derart entleert.

Und konkret, Frank A. Meyer?!
Sichtbares Symbol dafür ist die Berufung von Jauch. Der Quizmaster macht eine politische Sendung nur deshalb, weil er als Quotenstar gilt. Der Mann ist die Beliebigkeit in Person, leider auch die Peinlichkeit in Person, wenn er seinen Gästen angelernte Fragen stellt.

Was würden Sie ins Programm stellen, wenn Sie könnten?
Kompetenz, Kompetenz, Kompetenz: politisch, wirtschaftlich, kulturell, im Sport und in der Unterhaltung. Intelligenz, Intelligenz, Intelligenz: überall, auch in den Shows, auch in den Serien! Kompetenz und Intelligenz - wenn es sein muss, auf Kosten der Quote. Denn ich bin überzeugt, dass die Menschen vor dem Bildschirm im Durchschnitt weniger verblödet sind als die Programm-Macher dahinter!

Welche Sender oder Sendungen sehen Sie als Ausnahmen dieser Nivellierung nach unten?
Die Qualitätsinseln Arte und 3sat. Man muss beten, dass diesen Sendern nicht die Gelder gestrichen werden. In der Schweiz hoffe ich auf den neuen SRG-Generaldirektor Roger de Weck. Er ist nicht nur ein vorzüglicher Journalist, er glaubt auch an Inhalte. Im Übrigen, lieber Marc Walder, sind wir bei den Printmedien ja ebenfalls längst verführt von der süssen Sucht nach dem Seichten. Auch wir sagen: «Das will der Leser!» Und wenn eine Idee anspruchsvoll klingt, dann sagen auch wir: «Das will der Leser nicht!»

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welche Fernsehsendungen empfehlen Sie den Lesern dieses Espresso-Gesprächs?
In der Schweiz den «Club» am Dienstagabend. In Deutschland den «Tatort» am Sonntagabend, allerdings nur, wenn er qualitativ überzeugt, was gottlob häufig der Fall ist. Auf 3sat die «Kulturzeit» am frühen Abend.

Und welche Nachrichten-Sendungen?
Es klingt vielleicht antiquiert, aber ich empfehle ganz einfach das Radio. In der Schweiz «Echo der Zeit», eine Sendung von internationalem Rang. Aus Deutschland die Nachrichten des Deutschlandfunks zwischen 18 und 20 Uhr. Das Beste allerdings liest man in der Zeitung - noch.

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Kommentare

Richard Müller
10. Dezember 2011 - 12:52

Der Kritik von Frank A. Meyer am deutschen Fernsehen im Allgemeinen und an Günther Jauch im Speziellen kann ich nur zustimmen. Über den von den privaten Sendern verbreiteten Sondermüll braucht man keine Worte verlieren, aber dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen, mit Ausnahmen von ARTE und 3Sat, schrittweise von seinem "Bildungsauftrag" entfernt, das ist fatal.
Das Angebot bei politischen Laberveranstaltungen, genannt Talkshows, war schon mehr als ausreichend, so dass dem drögen Oberlehrer Jauch nicht auch noch zu Lasten der Gebührenzahler ein exorbitantes Salär präsentiert werden musste.

 
 

Zimmermann Martin
9. November 2011 - 0:43

Die selbstgerechte Kritik von Frank A. Meyer an Günther Jauch zielt völlig ins Leere. Exakt die Kompetenz und Intelligenz, die Meyer fordert, verkörpert Jauch wohl wie kein Zweiter in der Medienlandschaft. Und dass er auch politisch völlig auf der Höhe ist, hat er während über 20 Jahren bei «stern TV» klar bewiesen. Zudem gehört «Wer wird Millionär?» schon lange und nach wie vor zu den absoluten Höhepunkten der TV-Unterhaltung. Ist es also purer Neid, der Meyer antreibt, so dreist über Jauch zu urteilen? (Dieser Kommentar wurde von SI online editiert.)

 
 

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