Auf einen Espresso Über ein spannendes, anstrengendes, wichtiges Jahr

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.

Auf einen Espresso: Ueber ein spannendes, anstrengendes Jahr

FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, 2011 geht zu Ende. Wie war es?
Es war ein Jahr der ständigen Spannung.

Meinen Sie das jetzt politisch oder privat?
Jeder ist doch, auch als Privatperson, historischen Prozessen unterworfen. Die Welt präsentierte sich uns im vergangenen Jahr vor allem bedrohlich – und das praktisch ohne Pause. Es begann zwar ermutigend: mit dem arabischen Frühling. Inzwischen sind ein paar Diktatoren und Potentaten weg, aber mit den Wahltriumphen finsterer islamischer Kräfte ziehen dunkle Wolken auf. Aus dem Frühling wurde ein arabischer Herbst, nun droht ein arabischer Winter.

Lassen Sie uns über Europa reden!
Europa sucht seinen Weg, tastend und taumelnd. Die Schuldenkrise verlangt eine Neuorientierung der Europäischen Union – und damit auch eine Neuorientierung der Schweiz.

Was hat die Schweiz damit zu tun?
Sie ist ja faktisch Passivmitglied der EU. Auch für uns gilt: Der Terror der Märkte zwingt die Politik zurück in die Verantwortung. Sie muss gestalten, in Brüssel wie in Bern. Durch neoliberales Laisser-faire wurde die Weltwirtschaft an die Wand gefahren. Nun müssen wir die Trümmer wegräumen und uns an den Wiederaufbau machen. Dazu brauchen wir eine Re-Demokratisierung Europas.

Die Anstrengungen in Brüssel laufen im Augenblick wohl eher auf Zentralisierung hinaus!
Die politischen Institutionen der EU benötigen demokratische Reformen. In der Demokratie ist die Macht der Politik immer auch die Macht des Bürgers. Die Übermacht der Finanzwirtschaft in den letzten zwanzig Jahren dagegen bedeutete Ent-Demokratisierung.

Der Schweiz geht es als Nicht-Mitglied der EU viel besser!
Die Schweiz ist nicht Nicht-Mitglied der EU. Und das wissen wir auch alle. Unsere Quasi-Mitgliedschaft ist der Grund für viele Erfolge. Wir sind zum Beispiel eine grossartige Exportnation. Aber ohne Export in die kaufkräftige und trotz aller Probleme enorm erfolgreiche EU wäre mit dieser Grossartigkeit sofort Schluss. Wir können uns die saudummen Sprüche über die EU nur deshalb leisten, weil sie uns all unsere tollen Produkte und Dienstleistungen abkauft, weil sie uns auch in Forschung, Bildung und Kultur nützlich ist! Die Wirtschaftsleistung der Schweiz ist qualitativ und quantitativ erstklassig, die politisch-intellektuelle Leistung dagegen eher drittklassig.

Zurück zur Jahresbilanz: Wohin treiben die USA?
Amerika leidet, wie auch England, unter dem Bankrott von Neoliberalismus und Neokonservatismus: Zu den unbezahlbaren Staatsschulden und der unbezahlbaren Arbeitslosigkeit kommen unbezahlbare Kriege und Kriegseinsätze. In den USA wie in Grossbritannien liegt die Infrastruktur am Boden, von den Strassen über den öffentlichen Verkehr bis hin zu Schulen und Spitälern. Die Industrie ist Schrott, vor allem in England, der einstigen Industrienation par excellence. Für die USA bin ich dennoch optimistisch.

Wieso das?
Diese Nation ist das Land der Freiheit und des Pragmatismus. Sie weiss, wie sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Die USA werden Freiheitsgarant bleiben.

Und wie war das Jahr für Sie persönlich, Frank A. Meyer?
Für mich als Journalist war es ein gutes Jahr. Journalisten lieben ja die Spannung. Sie leben davon. Doch das Leben unter ständiger Spannung ist kein gutes Leben. Für mich ganz persönlich ist 2011 zu rasch, zu rasend vergangen. Aber wir haben ja noch einige Tage vor uns …

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