Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
Auf einen Espresso De la langue française et du sentiment suisse
Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, im Kanton Zürich sollen lernschwache Schüler auf Französisch verzichten dürfen, um in anderen Fächern besser zu werden. Was halten Sie davon?
Es ist ein weiterer Versuch, Französisch als Hauptfach zu deklassieren. Letztlich wird mit einer solchen Relativierung das Erlernen einer zweiten Landessprache freiwillig. Und das darf nicht sein.
Der Initiant dieser Forderung, ein Kantonsrat der grünliberalen Partei, ist selber Lehrer. Er sagt, der Französisch-Unterricht sei für Schüler zuweilen «eine Plage».
Mit diesem Argument kann man auch Mathematik zum freiwilligen Unterrichtsfach machen. Denn mit Sicherheit ist Mathematik zuweilen eine Plage. Ich habe den Eindruck, dass für Zürcher Politiker und Pädagogen die ganze französische Sprachkultur unseres Landes eine Plage ist. Der Zürcher Zentrismus genügt sich selbst. Das wiederum ist eine Plage für unser Land.
Zürich ist in dieser Frage einfach dezidierter, vielleicht auch einfach mutiger.
Was hat es mit Mut zu tun, lieber Marc Walder, wenn man narzisstisch nur noch sich selber sieht? Zürich fühlt sich als wirtschaftlich mächtigste Region vom Rest der Schweiz unabhängig. Peter Bichsel hat das einmal wunderbar formuliert: «Ein Solothurner muss nach Zürich reisen, ein Zürcher nicht nach Solothurn.»
Warum ist denn für Sie das Erlernen von Französisch so wichtig?
Ich bin in Biel/Bienne aufgewachsen, wahrscheinlich der einzigen wirklich zweisprachigen Stadt Europas. Hier ist praktisch jede Familie bilingue. Das hat mir ein Schweiz-Gefühl vermittelt, wie ich es später in Zürich schmerzlich vermisst habe.
Was meinen Sie mit Schweiz-Gefühl?
Es ist das Gefühl, dass es die Schweiz zweimal gibt, mit dem Tessin sogar dreimal. Dass die Schweiz ohne ihre kleineren Sprachkulturen nicht existieren würde. Das Herz der Schweiz schlägt in der Suisse romande, schlägt im Tessin. Die Deutschschweiz ist zwar der grössere Sprachkörper, aber der wäre nicht lebensfähig ohne das Herz der sprachkulturellen Minderheiten.
Und Sie glauben wirklich, dass das erzwungene Erlernen einer Landessprache den nationalen Zusammenhalt fördert?
Politiker aus dem Raum Zürich, vor allem populistische Politiker, renommieren gern mit dem Begriff Willensnation. Wenn wir uns aber als Willensnation verstehen, muss sich unser Wille zur Nation ständig erneuern, unter anderem durch das Erlernen einer zweiten Landessprache.
Und Sie meinen, das genügt.
Das ist natürlich noch zu wenig. Früher bildete der Militärdienst ein nationales Bindeglied für die Schweiz, ebenso der Schüleraustausch. Auch reiste man mehr im Land herum, machte beispielsweise Ferien in einer anderen Sprachregion. Heute jettet man nach London, Palma, New York, Phuket. Dazu braucht es eigentlich nur Globalesisch, eine Sprache, die wir irrtümlicherweise als Englisch bezeichnen. Es ist leider so weit gekommen, dass in Schweizer Firmen Schweizer Mitarbeiter der verschiedenen Sprachregionen bereits ausschliesslich globalesisch kommunizieren – ich sage kommunizieren, denn miteinander reden tun sie in diesem Slang ja nicht wirklich.
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Kommentare
Amstutz Hanspeter
4. Februar 2012 - 9:26
Abwahlmöglichkeit stärkt die Lernwilligen!
Kein Sek-B-Schüler wird auf den Französischunterricht verzichten müssen, falls die Abwahlmöglichkeit einer Fremdsprache auf der Oberstufe eingeführt wird.
Sprachlich motivierte Jugendliche würden von einer flexibleren Lektionentafel sehr stark profitieren können. Diesbezügliche Erfahrungen in den Kantonen Schaffhausen (PISA-Spitzenreiter!) und St. Gallen zeigen, dass die Französischstunden allen wieder richtig Spass machen, wenn zwangsverpflichtete Jugendliche nicht mehr den Unterrichtsfluss hemmen. Die Lernwilligen kommen voran und merken, dass Französisch wirklich eine wunderschöne Sprache ist.
Leider ist die aktuelle Bildungspolitik dem Irrtum verfallen, jeder müsse während Jahren mindestens drei Sprachen lernen. Droht das Ganze in der Praxis dann zu scheitern, wird die Lernsuppe für Schwächere so verdünnt, bis sie fast keine Substanz mehr hat und ziemlich ungeniessbar wird.
Verlierer sind aber eigentlich alle: Die Schwächeren werden aus Zeitmangel dort zu wenig gefördert, wo sie nach ihrem Begabungsprofil am meisten profitieren könnten, während sich die Sprachbegabten im stockenden Französischunterricht langweilen. Das muss absolut nicht sein.
Abhilfe schafft nur eine Rückbesinnung der Schule auf ein Lernkonzept, das die vorhandenen unterschiedlichen Ressourcen der Schülerinnen und Schüler wirklich respektiert. Ich wünsche mir eine praxisnähere Bildungspolitik mit mehr Mut für pragmatische Lösungen.
Schocher Lucrezia
3. Februar 2012 - 9:59
Ihr armen detschsprachigen Schweizer.
Die romanisch sprechenden Kinder lernen ihre erst Fremdsprache schon in der Grundschule (deutsch) später noch französich, italienisch und englisch.
Lucrezia Schocher
3. Februar 2012 - 9:55
Wie so oft haben Sie vergessen, dass es in der Schweiz auch eine 4 Sprachregion gibt.
Christoph Ziegler
2. Februar 2012 - 18:46
Weiss Frank A. Meyer, dass zum Beispiel die Kantone St. Gallen und Schaffhausen (stolzer PISA-Sieger) schon lange die Regelung kennen, schwächere Schüler(innen) in der Sekundarschule B und C vom Französischunterricht zu dispensieren?
Hat sich Frank A. Meyer auch schon überlegt, dass wahrscheinlich viele Schüler(innen) besser Französisch lernen, wenn ihr Lernumfeld angenehmer wird, weil die total unmotivierten Französisch abgewählt haben?
Kennt Frank A. Meyer die Verhältnisse einer 8. C-Klasse? Weiss er, was die Schüler dort zu leisten im Stande sind?
Hat sich Frank A. Meyer überlegt, was diese ca. 10% der Schüler(innen) in der Schule lernen müssen, um im Erwerbsleben bestehen zu können?
Gerne würde ich nähere Auskunft geben.
Thomas Ziegler
2. Februar 2012 - 16:08
Es ist unglaublich, wie unbedarft und abgehoben sich Frank A. Meyer zum Französischunterricht in der Sek B und C, von dem er keine Ahnung hat, äussert. Im kritisierten Vorstoss eines "Praktikers an der Front" geht es einzig und allein darum, für 10-20% der Schüler den Franzunterricht in den letzten beiden Jahre fakultativ zu erklären -- weil er v.a. für sie selber, aber auch für die Mitschüler kontraproduktiv und (leider!) völlig unergiebig geworden ist. Und das ist keine zürcherische Spezialität, wie FAM in seinem deplazierten Rundschlag gegen Zürich behauptet: Schaffhausen (Pisasieger!) und St.Gallen kennen diese Regelung schon längst!
Werner Hohl
31. Januar 2012 - 19:20
Es gibt Fakten, die lassen sich nicht wegdiskutieren:
-ein Mensch kann in einer "Fremdsprache" im Idealfall höchstens das Niveau seiner Muttersprache erreichen .
- In den Sekundarklassen Niveau B & C liegt der Anteil der Schüler, die eine andere Muttersprache (nicht F & nicht E) sprechen, weit über 60%. Diese "Mutterprache", die sie sprechen, beherrschen sie auch nicht mehr. Im eigenen Heimatland werden sie sofort als "Ausländer" erkannt.......
-----> Deutsch ist ihre 1. Fremdsprache.....
-----> eine zweite & dritte Fremdsprache zu erlernen, ist sehr kostspielig, und zudem, da nur mit sehr, sehr magerem Ergebnis, überflüssig. (Vom Zwang, der aufgewendet werden muss, gar nicht zu reden.)
(Ein pensionierter Oberstufenlehrer, der sich mehr als 30 Jahre um den Französischunterricht bemüht hat.)