Mittendrin

André Häfliger mittendrin!

Wo Blitzlichtgewitter ist, ist auch der SI-Chefreporter.

Abschied von Georg Wahl

Vier Mal war SI-Chefreporter letzte Woche bis vier Uhr morgens unterwegs. Mercedes-Benz Fashion-Days in Zürich, Sportnacht in Davos GR und Laureus-Charity-Night im zürcherischen Dübendorf. Mittendrin gab es Momente der tiefen Trauer: der Abschied von einem der weltbesten Sporttrainer der Welt, die letzte Ehre für Christine Stückelbergers Lebenspartner Georg Wahl in Kilchberg SG.

Menschenverlassen liegt das Gestüt Hasenberg in Kirchberg im Herbstnebel. Hier haben Christine Stückelberger, die Dressur-Olympiasiegerin von 1976, und Georg Wahl 36 Jahre lang glücklich mit Pferden und Hunden gelebt. 45 Jahre lang genossen sie ihr Liebesglück. Jetzt läuten die Glocken der katholischen Kirche von Kirchberg. 400 Trauergäste geben einem der weltweit erfolgreichsten Dressur-Trainer das letzte Geleit.

Grosse Orgelmusik von Johann Sebastian Bach erklingt. Zu Ehren eines grossen Pferdemannes, eines tüchtigen, disziplinierten - aber auch eines liebenswerten, humorvollen Menschen. Ganz vorne in der Kirche hat Elisabeth Gürtler-Mauthner neben Christine Stückelberger Platz genommen. Seit 2007 ist sie die Chefin der bekannten Spanischen Hofreitschule in Wien. Acht Jahre lang leitete sie vorher den ebenso bekannten Wiener Opernball. Jetzt gibt sie der erfolgreichsten Dressur-Reiterin der Schweiz Halt in den schweren Stunden des Abschieds.

In der Spanischen Hofreitschule ist Georg Wahl gross geworden. «Er war der Mann, der immer den Blick für die Pferde hatte, sie nie aus dem Auge liess, sie förderte, sie pflegte. Sie forderte - und gleichzeitig anhimmelte», sagt Elisabeth Gürtler-Mauthner den Trauergästen in ihrem berührenden Nachruf. «Viele folgten Georg Wahl. Weil sie von seinem Wissen und Können wussten. Er bleibt weit über die Reiterwelt hinaus unvergesslich.» Das Kinderjodlerchörli Mosnang von Stefan Segmüller singt. Paul Weiher, legendärer Schweizer Pferdemann, ist tief berührt: «Ich spüre, wie der liebe Georg ganz fest unter uns ist in diesem Moment.»

Ein grosser Mensch grüsst die Menschen zurück auf Erden. Dankbar für ein erfülltes, fast 94-jähriges Leben. Nie werde ich Georg Wahls köstliches Spätzle-Mahl mit feinem Salat vergessen, zu dem er mich letztmals vor einem Jahr bei Christine eingeladen hatte. Nie werde ich vergessen, als er mich eine halbe Stunde nach Christines Gold-Ritt 1976 in Montreal verzweifelt fragte: «Wo um Himmels Willen ist sie? Sie muss doch zur Siegerehrung!» Christine war unterwegs - auf Spritzfahrt mit dem grossen Ami-Schlitten des Schweizer Dressur-Teams. Schliesslich war das ihr Lohn für das schöne Gold, das erste und einzige Dressur-Gold für unser Land.

Denn am Morgen vor ihrem wichtigsten Wettkampf hatte Georg Wahl seiner Christine, die dieses Auto unbedingt mal fahren wollte, versprochen: «Okay, wenn du gewinnst, dann darfst du dein Traumauto fahren.» So bezog Stückelberger ihren verdienten Lohn. Hatte Riesenspass. Und verpasste um ein Haar die Siegerehrung! Herrliche Erinnerungen. An den unvergesslichen, grossen Georg Wahl.

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