Mittendrin

André Häfliger mittendrin!

Wo Blitzlichtgewitter ist, ist auch der SI-Chefreporter.

Ein Tag mit dem grossen Ferdinando

SI-Chefreporter André Häfliger war einen Tag lang mit Ferdy Kübler, dem ältesten noch lebenden Sieger der Tour de France, unterwegs. Für die bald 95-jährige Radlegende gab es viele bewegende Momente. In seiner Heimatgemeinde Marthalen ZH und in seinem Lieblingsrestaurant.

Ferdy und ich kennen uns seit Jahrzehnten. Seine offene, humorvolle und durchaus auch zeitkritische Art haben mich immer beeindruckt. Und natürlich seine grandiosen Leistungen als Sportler. Ferdy war in allen Bereichen des Radsports ein König. Einer, wie es ihn heute kaum mehr gibt. Erst sein Sieg im Jahr 1950 in Paris an der Tour de France, dem härtesten Rennen der Welt. Ein Jahr später sein Triumph an der Strassen-WM in Varese. Und ebenso wie die Tour de Suisse drei Mal - das wird oft vergessen - hat er den Gesamt-Weltcup über die ganze Saison hinweg gewonnen! Von 1940 bis 1957 hat er als Profi insgesamt 65 wichtige Rennen gewonnen.

«Ferdy National» - das ist ein ganz Grosser! Mit dieser Hochachtung trete ich jedes Mal vor ihn. Oft haben wir uns auch in diesem Jahr wieder gesehen. Und ich freue mich jedes Mal. Auch jetzt, wo ich draussen vor der Tür seiner ruhig gelegenen Dachwohnung in Birmensdorf ZH die Stimme von Christina Kübler höre: «Komm ruhig herein, es ist offen!» Die Hochachtung, die ich für Ferdy mitbringe, habe ich auch für sie: Die grosse Liebe von Ferdinando, wie ich ihn immer nenne, ist eine der liebenswürdigsten Frauen, die ich kenne. Wie sie sich fast Tag und Nacht um ihn kümmert, das ist vorbildlich, das kann man in Worten kaum beschreiben.

Ich habe Gipfeli mitgebracht - und Ferdys liebste Schlemmerei: Crèmeschnitten. Ferdy ist noch in der Küche, schneidet sich sein Brot zurecht. Christina führt ihn an den Tisch, gemütlich nehmen wir das Frühstück ein. «Ich bin halt nicht mehr 50», sagt er lächelnd. «In meinem Alter ist es normal, dass man gesundheitliche Probleme hat. Meine Beine wollen nicht mehr so, wie ich will und ich habe oft Schmerzen.» Das sei, je nach Wetterlage, von Tag zu Tag sehr unterschiedlich, ergänzt Christina, mit der Ferdy seit 20 Jahren verheiratet ist: «Heute fühlt er sich recht gut.»

Ausgezeichnet, denn wir haben viel vor. Zuerst fahre ich Christina und Ferdy nach Marthalen. Dort, im Zürcher Bezirk Andelfingen, ist die Radlegende geboren und aufgewachsen. Gleich nebenan, in Ossingen ZH, macht Mitte Juni die Tour de Suisse halt. Grund genug für die Veranstalter, heute ihrem Idol zu Ehren an dessen Geburtsort eine Eiche zu pflanzen. Martin Günthardt vom Tour-de-Suisse-OK Ossingen begleitet das mit gepfefferten Worten vor den rund 100 Gästen. Nello Wiesendanger von der Credit Suisse, die Ferdy 26 Jahre lang unterstützte, findet ebenso bewegende Worte wie Marthalens Gemeindepräsidentin Barbara Nägeli: «Einen Ferdy Kübler vergisst man nie!»

Eine ganze Weile noch unterhält sich das Sport-Idol mit den Anwesenden, gibt Interviews und Autogramme, schaut Bilder und Zeitungsausschnitte aus seinen goldenen Radsportzeiten an. Dann geht es weiter nach Bäch SZ. Auf der Fahrt wettert Ferdy gegen die Mikrofone und Kopfhörer, welche heute die Fahrer während den Rennen mit ihren Chefs verbinden. «Diesen Furz aus der Formel 1 sollte man wieder abschaffen.» Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass sich die Zeiten gewaltig geändert haben. Und bringt ein herrliches Beispiel. «Als ich nach einem Platten mal am Ersetzen des Schlauches war, kam ein Teamkamerad zu mir und fragte, ob er helfen könne», erzählt Ferdy mit funkelnden Augen. Nein, habe er laut gesagt: «Geh lieber nach vorne das Hauptfeld bremsen!»

Köstlich! In der idyllischen «Faktorei» geniessen wir ein ebenso köstliches Fischgericht. Neben der «Sihlhalde» in Gattikon ZH ist es das Lieblingsrestaurant von Christina und Ferdy. «Wir gehen oft und gerne, manchmal mehrmals in der Woche, auswärts essen», sagen sie. Ebenso aber würden sie auch gemütliche Abende zu Hause geniessen. «Vor 23 Uhr geht Ferdy nie ins Bett.» Dafür wird es nun langsam Zeit. Nach dem herrlich sonnigen Frühlingstag bringe ich die beiden nach Hause. Und ziehe nach herzlichen Umarmungen einmal mehr den Hut vor meinen Freunden, die ich seit so vielen Jahren begleiten darf.

Ich wünsche Ihnen frohe Ostern und melde mich nach den Ferien am 13. Mai zurück!

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