Mittendrin

André Häfliger mittendrin!

Wo Blitzlichtgewitter ist, ist auch der SI-Chefreporter.

Mario Adorf trifft Ruth Dreifuss

An den Solothurner Filmtagen traf SI-Chefreporter André Häfliger zwei Menschen, die er schon vor Jahren lieb gewonnen hat. Ruth Dreifuss bewundert er wegen ihrer Herzlichkeit und ihres sozialen Engagements, Mario Adorf bezeichnet er als einen der komplettesten Schauspieler der Welt.
Mario Adolf, Ruth Dreifuss und André Häfliger Solothurner Filmtage
© David Biedert

Interessante Gespräche: Mario Adorf, Ruth Dreifuss und André Häfliger (v. l.) in Solothurn.

Er wurde vor bald 84 Jahren in Zürich geboren, ist einer der profiliertesten zeitgenössischen Darsteller auf der Bühne, im Kino und im Fernsehen. Sie ist zehn Jahre jünger und hat am 9. Januar einen Tag nach ihrem in Solothurn ebenfalls anwesenden Ex-Amtskollegen Samuel Schmid Geburtstag. Sie war von 1993 bis 2002 Bundesrätin und die erste Frau, die 1999 zur Bundespräsidentin gewählt wurde. Jetzt umarmen sich Mario Adorf und Ruth Dreifuss in der Solothurner Reithalle an der Eröffnung der Filmtage herzlich.

Beide sind nach der Premiere von Alain Gsponers («Der letzte Weynfeldt») Filmdrama «Akte Grüninger» noch immer tief bewegt und aufgewühlt. Sidney Dreifuss, der von Anatol Taubman gespielte 1956 verstorbene Vater von Ruth Dreifuss, hat im eindrücklichen Geschichtsstück eine tragende Rolle: Er unterstützte während des Zweiten Weltkrieges den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger (Stefan Kurt) in seinen damals illegalen Bemühungen, jüdische Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland in die Schweiz einzuschleusen. Und half mit, Hunderte von Menschenleben zu retten.

Mario Adorf (zwei Bambis, drei Goldene Kameras) ist gerührt. «Es ist mir eine ganz grosse Ehre, Sie persönlich kennenzulernen. Ich verneige mich vor Ihnen», sagt der Schauspieler zur ehemaligen Magistraten. «Die Freude und Ehre ist ganz meinerseits», erwidert sie. Adorf will mehr wissen von Sidney Dreifuss. «Er war in der Tat ein herzensguter Mensch», sagt Tochter Ruth Dreifuss. «Nie werde ich vergessen, wie er für mich und meinen Bruder Spielzeuge selber bastelte.» Welche denn?, will Adorf wissen. «Für meinen Bruder eine Eisenbahn, für mich ein Miniaturhaus. Für beides benutzte er vor allem Holz aus alten Zigarrenkistchen.»

«Mit uns Enkelkindern hat er nur immer Französisch gesprochen, ganz konsequent», ergänzt Ruth Dreifuss' anwesende Nichte. «Weil es ihm nach dem Umzug aus der Ostschweiz nach Genf in der Calvinstadt so wahnsinnig gut gefiel. So begründete er das.» Adorf hört gebannt zu: «Ich liebe solche Geschichten von grossen Persönlichkeiten.» Man spürt, wie nah seine Gedanken dabei an den Schicksalen von damals sind. «Der letzte Mentsch» ist Adorfs Filmdrama, das ebenfalls in Solothurn vorgestellt wird. Es ist die Geschichte eines jüdischen Überlebenden, der sich im Alter seinen Wurzeln stellt. «Mit diesem Film habe ich mich noch einmal, noch viel eingehender mit den schrecklichen Vorkommnissen im Zweiten Weltkrieg auseinander gesetzt. Und habe oft geweint dabei.»

Wortlos schauen wir vier uns an, sind innerlich erschüttert. Ich bringe ein paar Getränke, wir unterhalten uns noch eine Weile. Dann darf ich den grossen Mario Adorf und die ebenso bewundernswerte Ruth Dreifuss mit ihrer Nichte zurück in die Hotels fahren. Welch eine Freude, welch eine Ehre!   

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