Mittendrin

André Häfliger mittendrin!

Wo Blitzlichtgewitter ist, ist auch der SI-Chefreporter.

Udo Jürgens: Ehre, wem Ehre gebührt!

«St. Georgs-Orden» am Semperopernball in Dresden, «Prix du Champagne» in Zürich - gleich zweifach wurde Udo Jürgens letzte Woche ausgezeichnet. Mit SI-Chefreporter André Häfliger stiess der grosse Entertainer auf ein Jubiläum an.

25 Jahre sind es her. Da traf ich Udo Jürgens das erste Mal. Die obligate Frage an den Mann, der im September 80 Jahre alt wird und heuer zum 25. Mal (!) mit Manager Freddy Burger und Bandleader Pepe Lienhard auf Tournee geht: Was hält Sie jung? Udos Antwort: «Ich dusche täglich dreimal mit kaltem Wasser.» Das mache ich seitdem auch. Also zumindest einmal im Tag und ganz zum Schluss der Dusche. «Es hat uns gut getan, darauf können wir anstossen», sagt mir Udo ein Vierteljahrhundert später im Restaurant Sonnenberg von Meisterkoch Jacky Donatz hoch über Zürich. Und ergänzt: «Ich mache das heute noch, vor allem auch nach jedem Konzert.» Er könnte das nicht, gesteht mir gleich danch DTM-Rennfahrer Timo Glock, der seit Kurzem zu den besten Freunden von Jürgens gehört. «Aber ich versuche es mal.»

Mal sehen, ob das sich auf Glocks Resultate in der neuen DTM-Meisterschaft (Start am 2. Mai in Hockenheim) positiv auswirkt. Ich jedenfalls danke dem lieben Udo für die praktischen Tipps fürs Leben herzlich. Und übergebe die Schrift an Marc Walder. Der CEO von Ringier hat Udo Jürgens im «Sonnenberg» mit bewegenden Worten geehrt. Hier Walders Laudatio:

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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde - und vor allem: Lieber Udo!

Es ist mir eine Freude, heute Abend zu Dir und über Dich sprechen zu dürfen. Aber wo soll ich beginnen, lieber Udo? Beim grossartigen Entertainer? Bei Dir als grosser Persönlichkeit? Bei Deinen unzähligen Ehrungen, Rekorden und Auszeichnungen?

Ich freue mich, dass Paola (Felix, Anm. d. Red.) heute Abend unter uns ist. Sie hatte ja auch ihre Finger im Spiel bei dieser köstlichen Episode von «Verstehen Sie Spass?». Alle - und es sind Generationen - wissen, wer Du bist, was Du tust, was Du kannst. Auch in diesem Jahr sind alle Konzerthallen wieder ausverkauft, wenn Du auf eine weitere grosse Tournee gehst mit Deinem neuen Album «Mitten im Leben», das Du noch in diesem Monat veröffentlichen wirst.

Das müssen wir uns nun einmal vorstellen. Denn man redet so schnell einfach hin. Wieder ein neues Album. Wieder auf grosser Tournee. Wieder alle grossen Hallen. Wieder alles ausverkauft. Auch das Schlusskonzert, quasi ein Heimspiel, am 7. Dezember im Zürcher Hallenstadion. Mit bald 80 Jahren. Das können nur ganz wenige. Das haben nur eine Handvoll Entertainer geschafft auf dieser Welt. Vielleicht ein Charles Aznavour in Frankreich, ein Frank Sinatra in den USA. Vielleicht eine Barbra Streisand.

Lassen Sie uns versuchen, das Phänomen Udo Jürgens ein kleines bisschen zu verstehen: Beginnen wir mit den Zahlen. Mehr als 1000 Lieder hast Du komponiert. Mehr als 50 Alben. Über 100 Million Tonträger hast Du verkauft. Damit gehörst Du zu den allererfolgreichsten männlichen Solokünstlern aller Zeiten.

Aber wo liegt Deine Magie? Wann immer ich Dich sehe, wann immer ich ein Lied von Dir höre, wann immer ich von Dir lese, dann denke ich darüber nach. Wie schafft er das? Deine Lieder erzählen Geschichten. Geschichten aus dem Leben. Geschichten über das Leben. Und Geschichten vom Leben. Sie tun das, stets auf den Punkt gebracht.

Immer mit einer musikalischen Handschrift, die voller Emotionen ist. Deine Melodien klingen nach. Deine Texte machen Mut, Deine Texte machen nachdenklich, Deine Texte sind nie banal. Die französische Schauspielerin Anouk Aimée sagte einen schönen Satz, der mir geblieben ist. Es ist ein Satz über das alt werden. Aimée sagte: «Man wird nur dann alt, wenn man nicht mehr neugierig ist.» Du bist enorm neugierig. Und dann gibt es da ein Lied, das alle kennen: Es heisst «Mit 66 Jahren». Und es ist seither Leitmotiv für alle, die an das Alter denken - aber nicht ans alt sein.

«Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!
Mit 66 Jahren, da hat man Spass daran.
Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss!
Mit 66 Jahren, da ist noch lange nicht Schluss!»

Diese Zeilen - es ist schwer, sie zu zitieren, ohne unweigerlich in die Melodie zu verfallen. Welch grösseres Kompliment gibt es an einen Musiker als die Tatsache, dass das pure Lesen des Songtextes automatisch die Melodie in einem auslöst.

Doch wie fing eigentlich alles an, wie begann eine der eindrücklichsten Musikkarrieren aller Zeiten? Als Kind, in Klagenfurt, sahst Du die Operette «Das Land des Lächelns» von Franz Lehàr. Und Du wusstest, Dein Leben soll auf der Bühne stattfinden. 15 Jahre hast Du ohne nennenswerte Erfolge gearbeitet. Es waren 15 wichtige Jahre in Deinem Leben. Und dann, plötzlich, wurde mit «Merci Chérie» alles anders. Als Sieger des Grand Prix Eurovision de la Chanson wurdest Du 1966 über Nacht zum Star in ganz Europa. Aber Du warst ein Star mit Fundament, mit solidem Background und Schulung.

Du erinnerst Dich gerne an die harten Jahre, wissend, dass die Talente, die jetzt in den Fernsehshows von Null auf Platz 1 katapultiert werden, selten eine wirkliche Chance auf eine grosse Karriere haben. Seit «Merci Chérie» hast Du rund 1000 Titel komponiert. Viele davon sind ein Teil der Jugend von Millionen von Menschen geworden, viele verbinden Generationen.

Wer in die Hallen geht, in denen Du spielst, der sieht Einzigartiges: Deine Fans sind 18 und 80. 45 und - natürlich - 66. Sie alle spüren sofort: Hier ist keine Kunstfigur am Werk, hier spielt ein grosser Sänger, Pianist und Komponist.

Ein Lied sei erwähnt, dass mich stets beeindruckt und begleitet hat. Und Sie alle, die Sie heute Abend mit uns hier sind, Sie kennen es: «Griechischer Wein». Mit «Griechischer Wein» hast Du einer ganzen Generation von Gastarbeitern ein Denkmal gesetzt. Und zwar in einer Zeit, die nicht so multikulturell war wie heute: Drei wunderbare Zeilen aus einem Lied, deren Melodie heute noch alle vor sich hin singen, die an Dich denken:

«Sie sagten sich immer wieder: Irgendwann geht es zurück.
Und das Ersparte genügt zu Hause für ein kleines Glück.
Und bald denkt keiner mehr daran, wie es hier war...»

Zur Ehrung und als Ausdruck des Dankes, das Leben der griechischen Gastarbeiter so emotional ausgedrückt zu haben, empfing der griechische Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis Dich in Athen. Das Lied wurde ins Griechische unter dem Titel «Phile kerna krassi» übersetzt und zu einer Art Volkslied.

Bist du ein politischer Mensch? Mit Sicherheit. Viele Deiner Lieder sind sogar äusserst gesellschaftspolitisch. Deine Interviews ebenso.

Du hast in Wien immer harte Worte gegen die extremen Rechtsparteien gefunden und hast vor Jahrzehnten schon einen menschlichen Kapitalismus gefordert. Lange, bevor uns die Finanzkrisen, ausgelöst durch ein paar hundert gierige Banker, ganze Länder an den Abgrund gebracht haben.

Deine Lieder haben immer wieder die Ferne zum Thema, denn auch wenn Du in Klagenfurt aufgewachsen bist, so ist Deine Familie stark von Russland geprägt, wo Dein Grossvater väterlicherseits von Reichtum bis hin zur Not alles erleben musste. Nicht umsonst ist «Do Swidanja» für mich eine Deiner schönsten Kompositionen, nicht ohne Grund sind die Worte in Deinem früh entstandenen Titel «Auf der Strasse der Vergessenheit» so eindrücklich:

«Kronen, die man gestern stolz getragen,
werden zu Staub, zerfallen und zerschlagen.
Stumme Zeugen der Vergänglichkeit,
auf der Strasse der Vergessenheit.»

Vergessen hast Du die wesentlichen Dinge in Deinem Leben nie. Du erinnerst Dich an Deine Eltern, an Deine Mutter, die Dich Jürgilein nannte, weil Du nicht der sportliche Typ warst sondern immer feingliedrig und sensibel. Du warst nie laut und anfänglich war es für Dich sehr schwer, im Rampenlicht zu stehen. Eindrücklich sagtest Du einmal in einer Talkshow: «Wenn man glaubt, etwas Besonderes zu sein, ist man schon verloren...»

Wir sind stolz, dass Du bei uns lebst und österreichisch-schweizerischer Doppelbürger bist. Und wir sind stolz, dass ein Schweizer so viel für Deine Karriere tun konnte: Dein treuer Freund und grossartiger Manager Freddy Burger. Als Freddy Dich traf, sagte er: «Wir werden gemeinsam viele Jahrzehnte zusammenarbeiten!» Wie Recht Freddy haben sollte.

Und eine musikalische Mitgift hat Freddy gleich in diese kongeniale Musik-Ehe gebracht: Pepe Lienhard und sein grandioses und international renommiertes Orchester. Seit 30 Jahren begleitet Pepe Dich. Er, selbst ein Star. International angesehen. Aber stets zufrieden mit der Rolle im Hintergrund. Wortwörtlich im Hintergrund stehen er und seine Band. Doch dieser Hintergrund ist Basis und Teppich der unverwechselbaren Udo-Jürgens-Klangwelt.

Auch Du hast Ängste, auch Du kennst die Einsamkeit. Du sagst, dass auch Einsamkeit ein wichtiger Teil in jedem Leben ist. Die Magie Deiner Lieder ist eben diese Ehrlichkeit und dieser Bezug zur Realität. Wenn Du von Einsamkeit singst, bist Du besonders gut. Einsamkeit gehört in Deine Gefühlswelt - und in das Leben von uns allen. Dein Lied «Deine Einsamkeit» wird noch viele Generationen stärken und trösten. Wenn Du singst:

«Immer, wenn der Tag sich neigt,
wenn sein lautes Lärmen schweigt,
kommt sie ungefragt zu Dir:
und sie tritt in Deine Tür
lautlos aus der Dunkelheit:
Deine Einsamkeit.»

So grossartige Lieder erobern die Welt. Weltstars wie Sammy Davis Junior und Bing Crosby sangen Deine Lieder, man kennt Deine Kompositionen in allen grossen Ländern dieser Welt. Das Musical «Ich war noch niemals in New York» ist die Revue Deiner Hits - in Europa und sogar Japan wurde es in ausverkauften Häusern aufgeführt. Und schon früh, 1960, schriebst Du für Shirley Bassey «Reach for the Stars». Das Lied wurde zu einem Welthit.

Wenn wir Dich heute Abend ehren, so ist das ein Dankeschön an einen Mann, der die grössten Ehrungen seit Jahrzehnten erhält, der schon 1969 bei einer Umfrage bei den Jugendlichen in Deutschland die Nummer 1 war. Willy Brandt sagte über Dich: «Udo ist Weltklasse!» Michail Gorbatschow begrüsste Dich mit «Towarisch Jürgens» - also mit «Genosse». Und selbst der chinesische Staatschef sprach begeistert von Udu Jügensi! Diese drei Begebenheiten stehen für ein Faktum, das gerne unterschätzt wird: Deine Musik ist grosse Unterhaltung. Deine Musik, insbesondere Deine Texte, sind längst gesellschaftsrelevant und damit eben auch politisch.

Wir verneigen uns vor Deinem Werk und vor Dir als Person. Du bist von einer tiefen Kultur geprägt, als Mensch und als Künstler. Das heute zu finden, ist in der grellen Welt des Showbusiness schwer, fast unmöglich. Ich weiss, dass es so bleiben wird und wir freuen uns auf die Zukunft mit Dir. «Wenn man älter wird und immer noch Sehnsüchte hat, dann kann man das Alter gut ertragen» - diese Worte von Dir klingen nach.

Ich bin stolz und glücklich, heute hier sein zu dürfen. Wir haben keine Oscars und Golden Globes in Zürich und auch keine Grammys. Aber umso mehr Bewunderung für Dich. In einem Deiner grössten Hits singst Du:

«Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst Du nicht für Geld.»

Gestatte mir zum Schluss eine persönliche Geschichte: Wenn ich Auto fahre, bin ich ein Radiohörer. Nur eine einzige CD liegt in meinem BMW. Es ist eine CD mit allen grossen Hits von Udo Jürgens. Manchmal, auf der Heimfahrt nach dem Arbeiten, wenn es längst dunkel ist draussen, dann leg ich sie ein. Und dreh auf. Ganz laut. Und singe mit, denn meist läuft mein ganz persönliches Lieblingslied von Dir: «Ich war noch niemals in New York». Was für ein Lied. Was für ein Text, lieber Udo. Es erzählt die Geschichte von einem Mann, der nach dem Abendessen seiner Frau sagt, er gehe noch kurz Zigaretten holen.

«Er zog die Tür zu, ging stumm hinaus, ins neonhelle Treppenhaus.
Es roch nach Bohnerwachs und Spiessigkeit.
Und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär.»

Ich war noch niemals in New York. Kein Lied der Welt drückt Sehnsucht besser aus. Eine Sehnsucht, die irgendwie und irgendwo in uns allen wohnt. Kein Lied von Bruce Springsteen kann das besser. Kein Lied von Alanis Morissette oder U2.

Typisch Udo Jürgens.Was für ein Lied. Was für ein Leben! Wir danken Dir.

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