Bushaltestellen-Philosophie

Pyjama-Party an der Bushaltestelle? Doch, das gibt’s.

 "Würdest du auch mit mir ausgehen, wenn ich schlabbrige Trainingshosen und abgelatschte Hässlich-Turnschuhe tragen würde?" 

"Du liebe Güte. Klar doch! Wir sollten alle mal von dieser überstylten Coolness wegkommen. Als ich in New York gelebt habe, da habe ich diesbezüglich einiges dazugelernt." 

"Was denn? Die leben doch genauso ihre Coolness aus. Nur ist sie anders definiert." 

"DU definierst den Stil. Du kannst dich jeden Tag neu erfinden – new year, new you - und während man sich hier an den Kopf greifen würde, findet man das dort sehr cool. Es geht um was anderes!" 

"Um was denn?"   

"Den Mut, sich selber zu zeigen! Wann entblösst man sich mehr, als wenn man im Pyjama auf die Strasse geht?" 

"In einem Füsschen-Pyjama!" 

"Nein ernsthaft. Als ich in New York lebte, da zog ich mich jeden Morgen um, um Brötchen holen zu gehen. Jeans, Pulli, Stiefel, Mütze. Mein amerikanischer roommate schüttelte nur den Kopf und meinte "You really look like a european girl". Na ja, das bin ich ja auch. Aber es ist schon bemerkenswert, dass man alleine dadurch auffällt, was man morgens beim Brötchenholen trägt. Als ich mich im Laden umschaute, da wurde mir schlagartig bewusst, was er gemeint hatte: Alle liefen sie in Pyjamas rum, dazu Ugg-Boots und Schlabberpulli. Und es war völlig ok. Es klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber genau in jenem Moment ist bei mir der Groschen gefallen."

"Du hast dich der Pyjama-Community angeschlossen?" 

"Mach dich nur lustig! Mir auf jeden Fall ist damals klar geworden, dass es einzig und alleine auf die innere Ausstrahlung ankommt. Wenn ich in mir ruhe und ein Lächeln auf dem Gesicht trage, dann kann ich in der rosa Blümchenhose in den Supermarkt und man wird mich nicht anschauen, als sei ich bekloppt. Wir stecken doch hier alle in einer langweiligen Uniform mit unseren Pokerfaces und unseren Das-ist-in-Kleidern." 

Und dann war es ein paar Augenblicke ruhig. Die beiden Frauen Ende zwanzig schauten sinnierend vor sich hin. Und wir taten es ihnen nach. Denn wir alle hatten zugehört, die einen mit Absicht, die andern, weil es nicht anders ging. Es schneite heftig. Und wir standen eng zusammengedrängt unter dem schützenden Dach einer Bushaltestelle. Ein Dutzend Menschen, die normalerweise gebührend Abstand zueinander halten, standen in Sardinenstellung und lauschten den Worten, die wie die Schneeflocken um uns herumtanzten.

Die nachfolgende Stille mochte niemand durchbrechen. Mir schien, es wurde sogar hörbar leiser geatmet. 

Ich glaube, wir alle dachten: die brünette Ex-New-Yorkerin hat ja recht. Rein theoretisch. 

Aber im gleichen Atemzug fragte ich mich, wie sich die Praxis wohl präsentieren würde: Diese hier unter dem Schneedach stehenden Mitmenschen alle im Pyjama. In ausgeleierten Hosen, übergrossen Bequem-Pullovern und Finken an den Füssen. 

Der Film, der dabei in meinem Gedankenkino spielte, war so absurd, dass ich laut losprusten musste. 

Die Welle war losgetreten. So standen wir plötzlich da als homogene Einheit. 12 lachende Menschen mit identischem Gedanken unter einem Dach. 

Als der Bus endlich heranrutschte, wünschten wir uns alle einen schönen Tag und auf merkwürdige Weise fühlte man sich bis zur letzten Haltestelle wie einer Art geheimen Gemeinschaft zugehörig. Ich fragte mich, ob dies genau so passiert wäre, wenn wir alle in Pyjama-Hosen auf die U-Bahn gewartet hätten, irgendwo in New York.