Bussi, Bussi - der Schickeria-Blog

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Zwischen Cüpli, Bier und Blitzlichtgewitter: Eine Schweizerin mischt sich unter die deutsche Prominenz.

Die Schweiz, das exotische Völkli

Vier Jahre nach ihrem Wegzug ins Ausland hat sich der Blick von Bloggerin Deborah Neufeld auf ihre Heimat noch mehr verändert. Wer meint, es sei nur die Sprache, die die Deutschen von den Schweizern unterscheidet, der täuscht sich...
Schweizer Flagge
© Getty Images

Schweizer machen sich nicht über Deutsche lustig, sagt Deborah Neufeld.

Vergangenes Wochenende bin ich in meine Heimat Zürich gefahren. Über drei Monate war ich nicht mehr da, was - gemessen an der Distanz - ein halbe Ewigkeit ist (und für meine Mama eine grosse Enttäuschung ihrer einzigen Tochter - «Du bist schliesslich die Liebste, die ich habe»). Jedenfalls war es eine gute Gelegenheit, wieder einmal zu überlegen, warum es in Zürich am schönsten - und in München noch schöner ist, und warum die Schweizer so anders als die Deutschen sind, obwohl doch alles so nahe liegt...

  • Schweizer sind so strukturiert. Mit der Arbeit wird erst begonnen, wenn vorher alles Nötige rauf- und runterbesprochen wurde. In meinem Fall als Journalistin sind es Reportagen und Portraits, die mit hundertprozentiger Sicherheit veröffentlicht werden, weil es ja so geplant war. In Deutschland macht man einfach mal und schaut dann weiter. Nur weil ich ein Interview geführt habe, heisst das noch lange nicht, dass es erscheint...
     
  • Schweizer planen wahnsinnig gerne. Sie halten es nicht aus, eine weisse Stelle in ihrer Agenda zu haben. Die Tage unter der Woche sind eh schon dicht gepackt, weshalb die Wochenenden ver-organisiert werden. Wer zum Dinner eingeladen wird, sollte es schätzen und alleine aufkreuzen. Ein spontanes «darf ich noch jemanden mitbringen...?» - undenkbar.  Schon die Frage ist eine Frechheit... Im Gegensatz dazu sind die Deutschen jedes Wochenende unverbindlich zum Dinner, zu einer Club-Eröffnung oder am besten für beides verabredet. Man hält sich bis zum bitteren Ende alle Möglichkeiten offen und lässt sich einfach treiben.
     
  • Schweizer verteilen mehr Begrüssungs-Bussis als die Deutschen (drei statt nur zwei). Mehr gibt es aber nicht. Körperkontakt ist keines ihrer grossen Hobbys. Das ist nicht böse gemeint, sondern gut! Niemand will dem anderen zu nahe kommen und mit genug Abstand den nötigen Respekt zollen. Bei den Deutschen wird dafür geschmust und getatscht, was das Zeug hält. Es ist viel normaler, von seiner Chefin in den Arm genommen zu werden, seinen Freundinnen und Freunden beim Ausgehen Bussis zu geben und in der Gruppe schmüselig zu sein. Meistens hat es keinen sexuellen Hintergrund, sie sind einfach sehr, sehr herzlich.
     
  • Schweizer würden sich nie über Deutsche lustig machen und sie in ihrer Sprache nachäffen. Im schlimmsten Fall bestehen die Schweizer auf ihre Sprache und reden hartnäckig Schweizerdeutsch mit ihren Landsnachbarn - auch wenn die Deutschen sie nicht verstehen. Schliesslich sollen sich diese auch mal anpassen, oder! Deutsche machen sich immer lustig über die Schweizer und äffen sie ständig nach. Und wenn man ihnen sagt, dass es nervt, sagen sie: ICH MEINE DAS NICHT BÖSE, ICH LIIIEBE DIE SCHWEIZ. Das ist den Schweizern egal, da kann ja jeder kommen. Deutsche, die Schweizerdeutsch reden, sind nicht lustig und sollten alle eine Schelle kassiert bekommen.
     
  • Schweizer können nicht so gut Autobahn fahren. Wie auch? Sie haben es halt nie gelernt. Das höchste der Gefühle sind 120 Kilometer pro Stunde, da checkst dus einfach nicht! (Ich habe es mir mühsam erarbeitet und traue mich heute sogar in meinem Opel Zafira jemanden mit deutscher Nummer zu überholen).
     
  • Schweizer flirten nicht. Sie schauen auch nicht! Und sie reden auch dann nicht, wenn sie vorgestellt werden. Dann sagen sie: «Freut mich» und drehen den Kopf sofort zurück zu der Person, die sie seit 20 Jahren kennen. Man will ja nicht aufdringlich sein...
     
  • Schweizer wollen wissen, wer man ist, wen man kennt und was man arbeitet. Das dient dem Einordnen der anderen Person und ist ein normaler Weg, jemanden kennenzulernen. Deutsche finden es frech, wenn ich sie das frage...
     
  • Schweizer sind grosszügiger. Ist auch leichter, weil sie durchschnittlich mehr Geld haben. Aber ich glaube, es hat was mit der Mentalität zu tun. Es ist selbstverständlicher, als Mädchen in einer Bar eingeladen zu werden. Auch wenn es kein Date ist und ein Mann keine Aussicht auf Erfolg hat. Sie sind einfach so gut erzogen...


Grund genug, bald wieder zu kommen. Versprochen, Mami...

Bussi, Bussi aus München.

Im Dossier: Alle Schickeria-Blogs von Deborah Neufeld