Bussi, Bussi - der Schickeria-Blog

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Zwischen Cüpli, Bier und Blitzlichtgewitter: Eine Schweizerin mischt sich unter die deutsche Prominenz.

So wirst du zum Raver

Festivals sind ein bisschen wie «After Eight»-Schokolade: Entweder man liebt sie - oder es schüttelt einen vor Abscheu. Bloggerin Deborah Neufeld baut sich gerade ein zweites Standbein als Raverin auf und verrät, wieso ihr kein verstopftes Dixi-Klo und kein warmes Bier den Spass am Feiern nehmen können...

«Wir treffen uns an der ART Basel, oder?», fragte mich letzte Woche ein Freund aus Berlin. Und ich fand die Vorstellung noch nett, ja. Ich ging stattdessen auf eine Open-Air-Party anlässlich des Sonar-Festivals in Barcelona (ich muss mal mein Image korrigieren): Ein Rave von LOUD&CONTACT bei Sommerferien-Temperaturen mit der Wunschvorstellung, nie wieder nach Hause zu gehen... Aber eben: Nicht alle finden das lässig. Denn sind wir ehrlich. Es ist wild, eng und dreckig und man muss sich darauf einstellen, danach so fertig zu sein, als hätte man seit Jahren keinen einzigen freien Tag mehr gehabt...

MUSIK
Weder auf dem Sonar noch auf der parallel stattfindenden Offweek trat eine Helene Fischer auf. Das heisst, kein Mitgrölen oder Choreo-Tanzen wie ne Schlagersängerin mit ihrem Team. Die Beats sind monoton und es braucht seine Zeit, um den Rhythmus zu spüren. «Ich geh mir jetzt ein Lied von David Guetta wünschen», liegt hier nicht drin. Einfach mitten in die Masse stehen und mitbewegen. Nicht aufhören, sondern immer weitermachen. Und plötzlich trägt dich die Musik von selbst. Und ich verspreche: Irgendwann will man nichts anderes mehr tun, als die Hände nach oben zu reissen und wie ein Sektenmitglied den Himmel beschwören...

MENSCHEN
Meine beste Freundin ist selbst ernannte Menschenhasserin und würde auf einem Festival wie dem Sonar wahrscheinlich eine Bombe zünden. Die Massen sind gewaltig und ständiges Reiben zwischen verschwitzten Körpern gehört dazu. Kann man sehr eklig finden, aber je länger man tanzt, umso mehr gewöhnt man sich an die ständigen Berührungen. Als kleiner Trost gilt: Wer einmal geschubst wird, darf zwei Mal zurückschubsen. Und dabei lächeln.

HYGIENE
Das ist definitiv der schwierigste Punkt auf einem Festival. Im besten Fall gibt es genug Dixi-Klos, wovon wir nur träumen konnten. Zehn Klos für ein paar Tausend Leute? Das war die Realität. Deshalb gibt es zwei Regeln, die ich auf der Wiesn gelernt habe: entweder so lange wie möglich unterdrücken, damit die Blase trainiert wird. Oder so früh wie möglich das Töpfchen aufsuchen und dann den lieben Gott bitten, dass er die Organe für die nächsten Stunden ruhigstellt. Denn irgendwann wird der Gang zur Toilette so geil wie ein Besuch beim Zahnarzt. Man hofft, nur noch durch die Haut atmen zu müssen und das Tränen in den Augen unterdrücken zu können. Die Nase kann dann leider nichts mehr aufnehmen. Die ist voll vom Staub der trockenen, sandigen Böden und gibt am nächsten Tag so viel her, dass man damit eine Sandburg bauen könnte. Deshalb: Sein Reinlichkeits-Rückgrat einfach brechen lassen, die misslichen Umstände ignorieren und sich freuen, dass man spätestens in zwei Tagen eine warme Dusche bekommt.

FASHION
Die Mode alleine war schon Grund genug, auf das Festival zu fahren: Klopf, klopf, die 90er sind zurück. Alle Girls mit hautengen, bauchfreien T-Shirts und hochgezogenen, zerrissenen Jeanshosen, runden, verspiegelten Sonnenbrillen und Nasenringen. Die Jungs mit Shirts mit XXL-Ausschnitt (auch unter den Armen) und mit bunten Ananas-Prints oder delirischen Ethno-Mustern. Wenn ich meiner Mami erzähle, dass wieder kommt, was ich mit 15 trug, bringt sie sich um. Oder mich. Jedenfalls ist alles sehr bequem, die Schuhe flach und am Ende des Tages alles in derselben Farbe: Sand-Beige.

DRINKS
Das System beim Getränkebestellen ist ein ganz, ganz komisches. Warum nicht an die Bar gehen, Bier bestellen, bezahlen, trinken? Nein, anstehen, Token kaufen, verstecken, damit sie auf keinen Fall verloren gehen. Am anderen Ende wieder anstehen, warten, warten, warten, bestellen, mit Token bezahlen und dann ein Bier, in einem Kindergeburtstag-grossen Glas entgegennehmen. In zehn Minuten das Spiel wiederholen, weil: Glas leer. Am nächsten Tag sich dafür hassen, viiiiel zu viel Geld für Alkohol ausgegeben zu haben, und Token im Wert von drei Gin Tonics in der kleinen Umhängetasche finden. Nein, Raves sind nicht kundenfreundlich. Schlimmer: Sie tun alles für Drogenabhängige und nichts für Alkoholiker. Shit.

FLIRTEN
Geht nicht. Ausgeschlossen. Wer meint, einen süssen Typen auf einem Rave kennenzulernen, hat zu viel Swiss Date geschaut. Hier ist jeder auf seiner Reise, in seinem eigenen Rhythmus unterwegs und mit seinen individuellen Glücksgefühlen beschäftigt. Ich habe zwar erlebt, wie meine Freundin Blickkontakt mit einem herzigen Kerl aufnahm, aber das ging direkt ins Knutschen über und hatte mit Anbandeln nichts zu tun. Also nicht traurig sein, wer plötzlich meint, sich in den spielenden DJ verliebt zu haben: das ist normal und geht vorbei. Umso grösser wird die Freundschaft geschrieben: Wer sich nicht sicher ist, wie loyal die eigenen Leute sind, der gehe mit ihnen auf einen Rave. Hier findest du heraus, wer immer schaut, dass du nicht verloren gehst, dass du sitzen kannst, wenn du sitzen musst und wer mit dir eine Stunde zu Fuss nach Hause läuft, weil du kein Taxi findest. Und genau deshalb sind Raves eine riesengrosse, lustige Reise, auf der du dich so jung und leicht fühlst, wie nie wieder in deinem Leben.

One Love & Bussi, Bussi aus München.

Im Dossier: Alle Schickeria-Blogs von Deborah Neufeld