Bussi, Bussi - der Schickeria-Blog

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Zwischen Cüpli, Bier und Blitzlichtgewitter: Eine Schweizerin mischt sich unter die deutsche Prominenz.

Achtung, 30er-Zone

Fussballstar Sami Khedira hat sich von Model Lena Gercke getrennt. Angeblich, weil sie mit 27 noch keine Kinder will. Hier verrät Bloggerin Deborah Neufeld, warum mit dem Erreichen der 30 die Probleme erst richtig beginnen...
Fussballer Sami Khedira mit Model Lena Gercke
© Getty Images

Sami Khedira und Lena Gercke gaben vergangene Woche ihre Trennung bekannt. Angeblich wegen seines Kinderwunschs.

Vor drei Jahren habe ich meinen runden Geburtstag gefeiert. Ich lag in Tel Aviv am Strand und dachte: Ich bin weit weg von zu Hause, frisch getrennt von meinem Freund, meine berufliche Situation ist ein Desaster und ich bin unfassbar alt. Ich war am Boden, zwar auf dem Liegebett, aber ganz nah am Tiefpunkt. Ich hatte den letzten Tag erreicht, an dem ich das Ruder noch hätte rumreissen und meinem Leben eine positive Wendung hätte geben können, doch der Tag neigte sich dem Ende zu und nichts passierte. Wie ging der Spruch auf Instagram? «Meine Freunde heiraten, bauen Häuser, kriegen Kinder und ich pule den Chiquita-Aufkleber von einer Banane und klebe ihn mir auf die Stirn.» Etwa so.

Als ich letzte Woche die Schlagzeilen über eines der herzigsten Pärchen Deutschlands las, das sich wegen einer Grundsatzentscheidung getrennt haben soll, kam mir der heisse und sehr frustrierende Tag in Israel wieder in den Sinn - und plötzlich war mir das ganze Pflichtheft, das mich seit diesem 30. Geburtstag begleitet, wieder präsent. Müsste ich verheiratet sein, Kinder haben, und meine Karriere längst am Laufen sein? Wieso habe ich noch kein eigenes Zuhause und keine gescheite Visitenkarte? Und warum macht Feiern immer noch so viel Spass? Nach Gesprächen mit meinen Ü-30-Freunden komme ich zum Schluss:

- Ich muss jetzt Kinder bekommen
Die «Du bist doch noch so jung»-Parolen nützen sich langsam ab, denn es ist nicht wegzureden: Ab 30 ist man im Baby-kriegen-Alter. Vielleicht bis 42 - doch bis dann sollte ich das Weiterbestehen unseres Familienstammbaums gesichert haben. Mir gefällt, dass es rein medizinisch viel länger möglich ist, schwanger zu werden. Doch laut einer Freundin muss mindestens das erste Kind bis 40 kommen, wenn es dann auch noch Geschwisterchen geben soll. Alles, was später passiert, ist mit massiv erhöhten Risiken verbunden. Der liebe Gott lässt sich eben nicht vollends austricksen. Und die Vertröstungsversuche halten auch bei meinen Eltern nicht stand.

- Ich muss den richtigen Mann finden
Logisch, Kinder zu machen setzt voraus, dass ich einen Mann treffe, mit dem ich Kinder machen möchte. Diese Frage stellte ich mir vor zehn Jahren einfach nicht. Noch schlimmer: Meine erste Liebe, die Heiratsmaterial gewesen wäre, musste über die Klippe springen, weil ich die Welt erobern wollte. Ohne sie. Und dann folgten ganz viele Bekanntschaften, von denen ich wusste, dass sie meinem Kind nicht mal die Hand geben, geschweige denn, die Erzeuger sein dürften. Und trotzdem war es in Ordnung, sich auf sie einzulassen. Doch ab 30 findet keine Begegnung mehr statt ohne die Fragen im Kopf: Passt sein Nachname zu meinem Vornamen? Was würde mein Bruder über ihn denken? Wird er den besten Buggy für unsere Kinder kaufen? Und bleibt der auch bei mir, wenn ich fett und hässlich bin? So sehr ich es mir wünschte - ein Teil Unbeschwertheit ist wie Hirnzellen nach einem Trinkgelage: langsam am Verschwinden.

- Ich muss meine Karriere geebnet haben
Vor zehn Jahren war es okay, Praktikantin zu sein und einfach mal zu schauen, was mir gefallen könnte. Damals wollte ich Journalistin werden. Und Fotografin. PR-Fachfrau und Automechanikerin. Ich wollte Corvette-Rennen fahren und vielleicht nach Los Angeles, um an der Lee Strasberg mein Talent als Schauspielerin versuchen. Manche Sachen möchte ich heute noch machen, aber es wird mir bewusst, dass es nie so weit kommen wird. Wenn ich daran denke, dass es zehn Jahre meines Lebens gekostet hat, in der Medienwelt Fuss zu fassen, dann kann sich jeder Mensch denken, wie viele Jahre es bräuchte, um alle anderen beruflichen Träume zu verwirklichen.

+ Ich muss nicht mehr diäten
Ob Trennkost, vegane Ernährung, Nulldiät. Ich kenne alle Tricks, um abzunehmen. Ich habe alle schon einmal ausprobiert und meine Erfahrungen damit gemacht. Nach etwa 15 Jahren weiss ich aber, was möglich ist und was nicht. Ich muss akzeptieren, dass ein Sixpack so realistisch ist, wie mit diesem Blog den Pulitzerpreis gewinnen zu wollen. Ich kann entspannen und mich mit der Gewissheit anfreunden, dass ich mit hundertprozentiger Sicherheit kein «Victoria's Secret»-Angel mehr werde. Für zwei Kilo mehr oder weniger werde ich mich natürlich weiterhin zwingen, weniger Kohlenhydrate zu essen und ab und zu Sport zu treiben. Aber Elle Macphersons Superbody bleibt Elle Macphersons Superbody. Ich gönne ihn ihr.

+ Ich muss nicht mehr mit jedem Arschloch ausgehen
Mein Erlebniskonto ist prall gefüllt und ich hätte viele Geschichten zu erzählen, die einst schmerzten, heute aber als wertvolle Erfahrungswerte dienen. Wäre mir noch immer danach, könnte ich solche Männer weiterhin daten. Im Gegensatz zu früher würde ich sie heute als solche erkennen und wüsste, dass der schönste Rausch seinen Preis hat (und ich trotzdem nicht darauf verzichten will). Früher hingegen hatte ich die Illusion, jede faule, untreue und erfolglose Socke ändern zu wollen, weil der Junge eigentlich doch ganz süss war und mega gut küssen konnte. Heute weiss ich, dass ich nach dem Geschmuse einfach loslassen sollte. Ich weiss, was mir gut tut, erkenne, wer mich glücklich macht, und wenn mir einer nicht gut tut, dann leide ich wenigstens mit Ansage.

+ Ich muss nicht mehr jede Nacht durchmachen
Natürlich passiert das immer noch. Aber wenn mir nicht danach ist, gehe ich nach Hause. Manchmal um 23 Uhr und manchmal um 7 Uhr. Die Zeiten, in denen man warten musste, bis der erste Bus fährt oder der Kumpel mit einem fahrtüchtigen Auto auch endlich Lust auf das eigene Bett hatte, die sind glücklicherweise vorbei. Heute fahren wir mit dem Velo in die Clubs oder wir leisten uns ein Taxi, oder zwei oder drei, und wissen, dass unsere Freunde auch am nächsten Tag noch da sind, egal, wie lange wir durchgehalten haben.

Mit einer Drei auf dem Rücken verändert sich das Leben: Zuerst gibt es faule Sprüche zum Geburtstag, dann folgt der Schock darüber, was man alles noch nicht erreicht hat. Dann tröstet die Erkenntnis, dass es vielen anderen genauso geht und dass wir den Weg gemeinsamen schaffen. Schwindende Unbeschwertheit überdecken wir mit heilloser Unvernunft. Wir treffen Entscheidungen bewusster und nehmen jede Enttäuschung, aber auch jede liebe Geste bewusster wahr. Manchmal ist es ein verdammter Krampf - und meistens ein riesen Glück, schon 33 zu sein. Oder eben erst.

Bussi, Bussi aus München.

Im Dossier: Alle Schickeria-Blogs