Bussi, Bussi - der Schickeria-Blog

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Zwischen Cüpli, Bier und Blitzlichtgewitter: Eine Schweizerin mischt sich unter die deutsche Prominenz.

Die Deutschen, die Schweizer und die feinen Unterschiede

Von Zürich nach München dauerts nicht länger als dreieinhalb Stunden. Trotzdem verstehen bei der (Schweizer) Bloggerin Deborah Neufeld manche Deutsche nur Bahnhof. Oder?!?
ZFF 2014 mit Anatole Taubman und Isabella Schmid Schweizer in Deutschland
© Zurich Film Festival

Isabella Schmid und Anatole Taubman: Zwei Schweizer Schauspieler, die in Deutschland leben.

Servus, Grüezi und Hallo! In diesen Tagen ist die kleine Schweiz gerade sooo international wie nur selten: In Zürich tobt bereits das zehnte Zurich Film Festival und bringt immer mehr Hollywoodgrössen in die Limmatstadt. Vergangenes Wochenende waren z.B. Superstars, wie Cate Blanchett, Benicio del Torro (meow!) und Antonio Banderas in der Schweiz. Aber auch Schauspieler, wie der Schweiz-Deutsche Anatole Taubman, der in «James Bond 007: Ein Quantum Trost» den Bösewicht mimte oder Isabella Schmid, die in München lebt und bei den «Rosenheim-Cops» oder «Hinter Gittern» mitspielte. Beides Promis mit Schweizer Wurzeln, die ihr Glück in Deutschland und in der Welt gesucht haben.

Diese Internationalität hat mich bewegt, mal darüber zu reflektieren, wie bedeutend die Schweiz im Ausland - in meinem Fall Deutschland - wirklich so ist. Denn nach über zwei Jahren als Exil-Schweizerin in Bayern habe ich ein Paar schöne Erlebnisse gesammelt. Sie gipfeln in diesen drei Lieblingsfragen (die mir alle ernsthaft gestellt wurden):

  1. Empfangt ihr in der Schweiz auch Sender wie ARD oder ZDF?
  2. Wie? Ihr habt keine Adeligen? Warum? Hä? Wo sind sie denn?
  3. Welche Sprache sprichst du mit deinen Eltern?


Die Deutschen finden uns Schweizer einfach nett und herzig. Das hat natürlich mit der Sprache zu tun, aber auch weil viele persönliche Erinnerungen mit der Schweiz verknüpfen, wie z.B. Skifahren, Ovo trinken oder Fondue essen. Viele Deutsche meinen, bei Schweizer(innen) zu punkten, wenn sie ihr Schweizerdeutsch aus der Hosentasche holen. «Ischhueregeil, odrrrr?» ist dabei der Favorit. Ein Riesen-Spass für die Typen, ein absoluter Abturner für alle Schweizer Freundinnen, die mich schon besucht haben. Aber eben: Die Männer sind aufmerksam, suchen Kontakt und geben sich sehr oft sehr charming, was Schweizer Männern etwas schwerer fällt.

Doch was in der Schweiz passiert, das kriegen die Deutschen kaum mit. Sie kennen zwar Begriffe wie Bankgeheimnis, Ausschaffungsinitiative oder schöne Ski-Gebiete. Aber in Deutschland nimmt man das tägliche Leben in der Schweiz nicht wahr. In der Regel weiss man hier nicht, über welche Abstimmungen geredet wird, wie unsere Bundesräte heissen, oder welche Wirtschaftsmächte von sich reden machen. In Sachen Promis kennen sie Roger Federer oder DJ Bobo, aber viele haben noch nie von DJ Antoine gehört (was sich mit seinem Job als «DSDS»-Juror hoffentlich bald ändern wird - kreisch!) und können erst recht nicht glauben, welchen Stellenwert eine Miss-Schweiz-Wahl bei uns hat.

Dann gibt es grosse Unterschiede in der Mentalität: Wer den besagten Superstar Roger Federer schon mal erlebt hat, sieht die Schweizer Bescheidenheit in Perfektion. Obwohl der Basler «der grösste Tennisspieler ever ist» (CNN), 53 Sponsoringverträge hat und Anna Wintour zu seinen besten Freunden zählt, würde er es nie nie, nie an die grosse Glocke hängen. Wer in der Schweiz was ist, was hat und was tut, der tut das für sich. Wer darüber redet oder gar stolz darauf ist, ist ein aufmerksamkeitssüchtiger Prolet und gehört ins Ausland verbannt. Wer in Deutschland nicht erzählt, was er macht, hat Pech gehabt. Denn Bescheidenheit ist hier keine Zier - sie führt dazu, dass du nicht wahrgenommen wirst. Hier wird getrommelt und gebrüllt, um nicht unterzugehen. Es ist normal und auch natürlich, dazu zu stehen, was einen gerade umtreibt. Deutsche äussern viel lieber ihre Meinung, sie wissen alles und haben zu allem einen Rat. Nur so sind sie konkurrenzfähig. Diese Coolness geht den Schweizern leider ab.

Dann die Sprache: Alle Schweizer verstehen einen deutschen Text. Wenn Schweizer einen Text schreiben, führt das zu Problemen. (Und da geht es noch nicht einmal um den Dialekt). Ich wurde schon so oft zur Lachnummer (unfreiwillig), weil ich Dinge ins Hochdeutsche «transferiert» habe, die die Deutschen so nicht sagen:

  • Angefangen bei der «Reservation», die ich schon einmal erwähnt hatte. Gibt es in Hochdeutsch nicht. Die heisst «Reservierung».
  • Wenn die Schweizer frieren, haben sie kalt. In Deutschland ist ihnen kalt.
  • Kürzlich sagte ich einem Deutschen Freund: «Bei mir in der Strasse hat es einen Bäcker.» Er fand es brilliant. Es heisst nämlich: «Es gibt einen Bäcker.»
  • Und wenn mir ein Lied nachläuft, dann versteht das hier auch keiner. Denn das ist hier der Ohrwurm.
  • Kürzlich machte ich jemandem einen Vorwurf und sagte: «Du hast mich so am Seil runtergelassen.» Der Streit war damit beendet, weil mein Gegenüber so lachen musste.
  • Genau so wenig, wie mal «über die Bücher zu gehen». «Welche Bücher?», fragte mich meine Chefin.


Diese Unterschiede sind fein und tun niemandem weh. Im Gegenteil: Wenn ich mit ein paar falschen Wörtern und ein Paar Klischees meinem Gegenüber eine Freude machen kann, bin ich gerne Komikerin.

Bussi, Bussi aus München.