Damenriege

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72 Hausfrauen im Paradies

Was kostet das häusliche Glück? Eine ganze Menge, fand Löwenherz heraus.

Ich bin ja nicht nur nach Wien gezogen, sondern auch zu Mr. X. Grosse Neuerung, könnte man meinen. Ist jedoch recht entspannt, das Ganze. Wie das aber so ist mit den ehemaligen Junggesellenwohnungen: zwar steht da eine schwarze Ledercouch (Junggesellen haben IMMER eine schwarze Ledercouch stehen!). Aber es fehlt eines: ein Hauch Weiblichkeit. So Dinge, die man einfach braucht. Wie zum Beispiel den Treteimer im Badezimmer.

Also machte ich mich auf die Suche nach einem kleinen Eimer. In der Schweiz wär ich - wohin wohl? - zur Migros gerannt und bestimmt fündig geworden. Zwecks Unkenntnis der hiesigen Läden lief ich ins nächstbeste Geschäft, das so aussah, als würde es Eimer verkaufen.

Wohnglück auf 6 Etagen

Zugegeben, ich stellte mich etwas naiv an. Statt eine der Damen zu fragen, wo ich sowas finden könnte, machte ich mich selber auf die Suche. Und irrte folglich eine halbe Stunde durch das Labyrinth von Esstischen, Vorhangsstoffen und Küchenkombinationen. Fast zerschepperte ich auf dem Weg Porzellangeschirr von Villeroy & Boch. Panisch eilte ich von Etage zu Etage.

Irgendwann muss mein fiebriger Blick der Verkäuferin aufgefallen sein. Nach einem Wortwechsel, bei dem ich mich rechtfertigen musste, warum ich nun einen Plastikeimer suchte und keinen aus Metall (sie riet dann schliesslich: aaah, wegen der Kinder? - Jaaa, genau, die Kinder, murmelte ich ergeben...), verwies sie mich schliesslich wieder in den 5. Stock.

72 Hausfrauen im Paradies

Nachdem ich mein begehrtes Badezimmerzubehörstück endlich sicher in meinen Händen hielt und meine verschwitzten Haare aus der Stirn gestrichen hatte, blickte ich mich auf der Rolltreppenfahrt endlich etwas in Ruhe um. Da fielen sie mir auf: all die Frauen. Und die wenigen, mitgeschleppten Männer.

Diese Hände, die Sofapolster und Vorhangsstoffe streichelten. Über Tischplatten glitten, Weingläser probeklirren liessen, Schränke aufklappten. Diese Augen, die strahlten, voller Freude und Anerkennung und Hoffnung. Die ohne Worte fragten: Schatz, das wär doch was für uns?

Ein Königreich für eine Junggesellencouch

Und ich realisierte plötzlich: die verkaufen hier keine Möbel oder Geschirr oder Teppiche. Die verkaufen die perfekte Beziehung, die perfekte Familienharmonie, das beste Leben. Die verkaufen hier das absolute Glück.

Und auf dem Heimweg war ich ganz froh, dass ich zurückkehren konnte in die unperfekte Junggesellenwohnung, es mir gemütlich machen konnte auf der schwarzen Ledercouch und den Treteimer das sein lassen, was er war: etwas, wo man Abfall reintut. Nicht mehr und nicht weniger.