Damenriege

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Abenteuer im Nachtzug, Teil I

Nachtzüge haben ja was Faszinierendes an sich. Man könnte meinen, man befinde sich in einem soziologischen Experiment, wenn man mit gänzlich unbekannten Leuten auf so kleinen Raum gequetscht wird, findet Löwenherz.

Manchmal kommt es vor, dass man über Nacht kurzfristig in eine andere europäische Stadt muss. Bei mir ist das - von hier aus - meist Zürich. Und dann wieder zurück. So geschehen letzte Nacht.

Wenn ich im Nachtzug reise, reise ich meist alleine. Also ohne Begleitung. Macht nix, denn im Schlafwagen (Das mit dem günstigen Sitzplatz über 9 Stunden Fahrt mach ich nicht mehr. Irgendwann wird man auch zu alt dafür, gopf.) trifft man sowieso auf Leute. Wenn einem die nicht gefallen, liest man ein Buch oder dreht sich weg und tut so, als schlafe man. Wenn man sich mit ihnen versteht, kann man sich im Smalltalk üben. Oder, zu später Stunde, mit amerikanisch-evangelikalen Fundis Diskussionen über Gott und die Welt führen.

Liebe zur Zwiebel

Das war gestern nicht der Fall. Ich kam ins Abteil und merkte auf den ersten Blick: das wird eine ruhige Fahrt. Alle waren sie freundlich-distanziert: die luxemburgische Frau und ihr pubertierender Sohn (die Pickel im Gesicht, nicht das Verhalten - zum Glück!), der junge italienische Musiker (mit drei Geigen im Gepäck) und das spanische Paar mittleren Alters. Es war ruhig. Aber ich roch es. Dieser bestimmte Geruch. Die Spanier hatten sich etwas erlaubt, was man nie - aber auch NIEMALS - in einem kleinen Abteil tut: frische, tropfende, zwieblige Kebabs essen. Habt ihr eine Ahnung, wie das da drin riecht?

Nun, ich versuchte das Beste draus zu machen und zu schlafen. Schlaf heilt ja fast alles. So entschlummerte ich recht sanft - bis ich erschrocken erwachte: es war dunkel im Abteil. Nur von nebenan kam ein Kreischen.

Ein Kichern im Traum

Benommen schüttelte ich den Kopf und hörte genauer hin. Nein, es wurde kein Schwein geschlachtet. Nein, niemand wurde überfallen. Ich hatte das Glück, im Abteil nebendran ein Rudel Teenagermädchen zu haben. Gekreische und Gekichere ohne Ende. Hässig haute ich gegen die Wand. Es half ein bisschen.

Pinkeldrang überkam mich, aber ich hatte keine Lust, unter der Decke hervorzukriechen und mich auf den halsbrecherischen Abstieg vom Stockbett einzulassen. So lag ich also da. Und starrte ins Dunkel. Manchmal fuhr der Zug an einem Bahnhof vorbei. Die Augen blieben offen. Vor allem, als der Italoviolinist begann zu schnarchen.

Der Schlaf hatte sich endgültig von mir verabschiedet und sollte mir fernbleiben, bis in Wien ein sich freuender Mr. X eine muffelige und saure Löwenherz in Empfang nehmen würd.

Im Abteil roch es streng. Sehr streng. Nach Zwiebeln. Aber diesmal warens leider keine frischen.