Damenriege

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Blabla und Missenfüdlis

Löwenherz zwängt sich mal wieder ins kleine Schwarze. Mit Clutchbag in der einen Hand und charmantem Begleiter am anderen Arm stiefelt sie in High Heels durch den Schnee zum Hallenstadion - zu den Swiss Awards 2009. "Dresscode Black Tie", hatte sie ihrem Begleiter noch eingeschärft, schliesslich sei das eine Gala. Nun: Die Moonboots hättens irgendwie auch getan.

Wir sind - auweia - zeitlich knapp dran. Ein livrierter Herr schaut uns streng an: "Sie müssen pressieren, wegen den Kameras, vom Fernsehen, gälled Sie." Aha.

Als wir unsere Plätze im halbleeren Stadion einnehmen, machen wir erst mal grosse Augen. "Gala" stand doch irgendwo auf den Tickets drauf, und vom "roten Teppich" war die Rede. Das mit dem Dresscode haben scheinbar nicht alle so ernst genommen wie wir: die Familie vor uns trägt uniformiert Karohemden, die Tochter hat ein mit Gel festgepapptes Vogelnästli am Hinterkopf, der Papa trägt eine lässige Adidas-Trainerjacke. Gopf! Herrje, ich geh schliesslich auch nicht im Cocktailkleid an ein Grümpelturnier.

Nach dem ersten Schock folgen zweieinhalb Stunden Gala der schweizerischen Art: Es herrscht eine Atmosphäre wie im Zirkus Knie, das halbleere Stadion - warum auch bloss das Hallenstadion?! - wirkt nicht ganz so schick wie zusammengeschnitten im Fernsehen. Eine hübsche, klassisch-elegant gekleidete Sandra Studer führt sehr korrekt und ohne Patzer durch die Show. Leider auch gänzlich ohne Pfeffer im Füdli.

Die coolste Schweizerin ist Amerikanerin

Dimitri darf einen der hässlichen Pokale mit nach Hause nehmen und turnt auf der Bühne herum. Wenn ich mich so benehme, werde ich jeweils aufgefordert das Lokal zu verlassen. Immerhin versprüht Jan Delay zwischendurch ein bisschen gute Laune. Irgendwann schwebt Miss Schweiz Linda Fäh engelsgleich in einem Brautkleid (was Freund Dejan wohl dazu sagt?) die Treppen runter und darf die Swisslos-Zahlen auslösen. Sagen darf sie nichts.

Ich freue mich ein bisschen über die muskelbepackten, fitten Kamerajungs, die überall in der Halle rumrennen und wünsche mir ein, zwei, drei Cüpli.

Dann: Tina Turner läuft einige Meter vor mir vorbei, Herzflattern, ich rieche den Duft von Hollywood und Las Vegas. Applaus, "Tina, we love you!"-Schreie, Standing Ovations. Die Löwenmähne auf Lackpumps bringt endlich etwas Sexiness in die ganze Sache und sieht mit 70 knackiger aus als manches Missenfüdli.

Fleischkäse an der Gala

Vielleicht ist doch noch etwas Glitz und Glimmer möglich, denke ich. Just in dem Moment kramt das Päärli neben uns in ihren Rucksäcken. Und holt zwei, in Alufolie verpackte, selbstgeschmierte Fuuschtbroote hervor. Come on! Nun, immerhin ist das so typisch schweizerisch, dass das "Swiss" zu den "Awards" geehrt wird.

Da betritt die blondbelockte Christa Rigozzi die Bühne, um das Millionenlos zu ziehen. Meinem charmanten Begleiter entfährt ein anerkennendes "Ooh!". Und ja, sie sieht grossartig aus, in ihrem leuchtend blauen Kleid strahlt sie. Sie strahlt und lacht und witzelt und küsst den Millionengewinner - den zahnbespangten Elektromonteur-Jüngling aus Bern - auf die Backe. Ich küre sie zu meiner persönlichen Glamour-Queen des Abends.

Ein Hoch aufs Holzfällersteak

Mehr Blabla, Michael von der Heide und ein durchaus Eurovision-tauglicher Song, noch mehr Blabla, noch mehr Rückschauen, eine nun vollends zur Eso-Tante mutierte Nena. Lifetime Award an Radrennfahrer Ferdy Kübler; in mir wallt zum ersten Mal Rührung hoch, ich kämpfe mit den Tränen. Nebendran riecht es immer noch nach Fleischkäse.

Und dann endlich - wir rutschen bereits ungeduldig, hungrig und viel zu nüchtern auf den Sitzen herum - wird überraschend Kinderherzchirurg René Prêtre zum Schweizer des Jahres gewählt. Die kleinen schwarzen Kinder im Hintergrund der Videobotschaft haben ihre Wirkung beim TV-Publikum bestimmt nicht verfehlt. Dennoch: ganz gut, die Wahl.

Mein charmanter Begleiter und ich: Hunger! Im Johanniter verdrücke ich ein riesiges und unglaublich zartes Holzfällersteak mit Pommes, spüle mit belgischem Bier herunter und singe ein Lob auf die Aromatdose auf dem Tisch.

Ich wünsche mir in diesem Land mehr Christa Rigozzis und mehr Holzfällersteaks mit viel Speck. Mehr René Prêtres, die sich bescheiden bedanken und danach weiteroperieren.

Und ach, ja, mehr charmanten Glamour und eindeutig weniger Hallenstadion.