Damenriege

Damenriege

Die Wahrsagerin und ich.

Miss Meyer hat einen Sommerjob. Und erhielt an ihrem ersten Arbeitstag Besuch.

Tag 1, Stunde 1. Ich in einem putzigen, kleinen Kleider- und Schmuckladen. Allein. Ein wenig nervös. Wie kriegt man das Gitter vor der Ladentüre auf, wie funktioniert die Kasse? Die kleinen Fragen des Verkäuferlebens. Man kennt das ja.

Zur Mittagszeit betritt eine junge Frau das Geschäft. Im Businesslook gekleidet auf der Suche nach einem Kleid für eine Hochzeit. Als Gast, nicht Braut. Das Kleid, das ihr gefällt, gibt es nur in schwarz und schwarz trägt man nicht an Hochzeiten.

Anstatt den Laden zu verlassen, dreht sie sich um und meint: «Du hast eine farbige, offene Aura.»
Yours truly: «Äh, ok?» (Eine offene Aura ist übrigens rosa und hell und bö hab ich dann gelernt.)

Und dann, werte Leser, dann geht der Wasserfall los. Mir schwirrte noch eine Stunde danach der Kopf. Denn:

  • Meine Schutzengel haben sie zu mir geschickt
  • Es könne kein Zufall sein, dass ich gerade heute allein diesem Geschäft sei
  • Ich sei nicht glücklich, sondern nur zufrieden
  • Jemand in meiner Familie sei krank
  • Ich werde 85 wie meine Urgrosseltern
  • Jemand habe mich verflucht, «Schätzchen»
  • Zwei Personen in meinem Leben schaden mir. Ob diese männlich oder weiblich seien, das wisse sie jedoch nicht. Aber, oho!, um diesen Fluch zu lösen, Glück in meinem Leben zu gewähren, (welches sogar noch meine Enkel zu spüren bekommen!), ja, dafür habe sie ein Mitteli. Sie holt was aus ihrer Tasche und bricht mit ihren Zähnen ein Stück davon ab. Es sieht aus wie... wie helles Hasch? Stein-Hasch? Ja. Stein-Hasch. Weisses Stein-Hasch mit Schimmel.


Und dann, dann geht's um den Preis. Was zuerst noch hiess «Du gibst mir soviel, wie in Deinem Herzen ist», wird nun zu einem Handel. (In meinem Herzen ist übrigens kein Geld, sondern lustige rosa Ponys, die auf einer Marzipan-Wiese herumhüpfen.) Auf der eine Seite haben wir eine Person, die 300.- für ein Wurzelkraut will, dass nur alle 100 Jahre wächst, auf der anderen eine, die gar nichts zahlen will,  da sie ein wenig sehr misstrauisch ist. «Geld ist nicht alles.», meint die Wahrsagerin.  Ja, darum will Sie auch zuerst, 1000.-, dann 800.- und schlussendlich eben die 300.- für das Kraut, gell, Schätzchen.
Ich lüge: «Ich habe kein Geld». Sie: «Ich weiss, bei Dir geht das Geld, das reinkommt, gleich wieder raus.» Ich: «Ne, nicht wirklich.» Sie: «Doch.»
Äh, okay...

Ich wolle doch sicher Gesundheit, Erfolg, Zufriedenheit, etc im Leben. Ja, weil ich der einzige Mensch auf diesem Planeten bin, der das will. Wirke der Zauber nicht, kriege ich mein Geld zurück. Aber das werde nicht nötig sein. Denn wenn sie in sechs Wochen wiederkomme, werde ich ihr mit einem riesigen Blumenstrauss um den Hals fallen und ihr danken.

Woher weiss sie, dass ich immer mit Blumensträussen im Gepäck unterwegs bin?

Die Frau ist gut.