Damenriege

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Engel mit den Eisaugen – so what?

Amanda Knox ist frei. Die Reaktionen zum Fall sind teilweise eher verwirrend, findet Löwenherz.

Als «Engel mit den Eisaugen» wurde sie bekannt, ihr Prozess wurde medial aufgebauscht. Sicher, spektakulär ist der Fall: junge Mitbewohnerin wird in ihrer WG malträtiert und vergewaltigt tot aufgefunden. Es gäbe also schon Gründe, darüber zu berichten.
 
Von Anfang an gab es Stimmen, die Amanda Knox entweder als kaltblütige Killerin oder aber als unschuldiges Opfer der Justiz sahen. Aber egal, welche Ausrichtung die Meinungen zum Fall nahmen: immer wieder wurde ihre Schönheit erwähnt.
 
Ich sehe aus, also bin ich
 
Hübsch ist sie ja. Überdurchschnittlich, die Ästhetik der ehemals mutmasslichen Mörderin, würd ich sagen. Wie könne ein solch junges, hübsches Ding – ein Mädchen noch dazu - nur Mörderin sein, fragen die einen. Sie müsse schuldig sein, so süss und dann diese kühlen Augen, sagen die anderen. Vom Mitangeklagten, ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito, wird kaum etwas über das Aussehen berichtet. Aber er ist ja auch ein Mann und ästhetischer Durchschnitt, mit einem Hang ins Nerdige.
 
Aber eigentlich spielt das keine Rolle. Gleich, wie es keine Rolle spielt, ob das Mordopfer wunderschön oder hässlich wie die Nacht war. Doch es dominiert die – unbewusste - Annahme, dass Menschen, die gewisse äusserliche Vorzüge oder Nachteile aufweisen, auch die besseren oder schlechteren Menschen sein müssten. Das Phänomen nennt sich Lookism. 


Doch alles nur Neid?
 
Was äusserlich nicht der Norm entspricht oder die Norm übersteigt, kann nicht normal sein. Nicht nur in Mordfällen, sondern im Alltag: schönen Menschen wird naiv vertraut oder prinzipiell misstraut, Äusserlichkeiten ziehen Rückschlüsse auf Inneres nach sich. Zu einem gewissen Grad ist dies menschlich. Der Vergleich mit sich selber, dem Durchschnitt und jemandem, der nicht der Norm entspricht, lässt Bewunderung oder Neid entstehen.
 
Verständlich, wenn wir im Alltag nicht immer bewusst die Kontrolle über unseren eigenen «Lookism» haben. Aber in einem Mordprozess hat der gar nichts zu suchen. Vielleicht sollte man sich dies zum Anlass nehmen, selber mal genauer darüber nachzudenken.