Damenriege

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"Generation Praktikum" - Wann ist genug genug?

Wir sind immer online. Wir sind flexibel wie nie zuvor. Wir arbeiten viel, sehen die Welt und sind doch stets auf der Suche nach dem, was uns wirklich befriedigt. Generation Praktikum, Generation Krisenkinder - sind wir das wirklich?

Kürzlich ist mir ein Heft in die Hände gefallen, als ich am Bahnhof München Reiselektüre gesucht habe: "Was wird aus mir? Wir Krisenkinder".

Da drin stand, wie wir die Generation sind, welche in den letzten Jahrzehnten
mit am meisten Wohlstand aufgewachsen ist. Und sich gleichzeitig in wirtschaftlich völlig
unsicheren Zeiten bewegt. Das Sparbüchlein, für unsere Grosseltern noch ein
sicherer Wert, kann von heute auf morgen einfach verpuffen. Siehe Bankenkrise.

Immer online, immer dabei

Wenn ich mich umhöre bei Gleichaltrigen, stelle ich tatsächlich fest: wir leben prekär. Wir wissen um unsere Vorteile, wir trauen uns viel zu, wir streben danach, gut zu sein, in dem, was wir tun. Oder noch besser. Überstunden sind nichts Unerhörtes, sie gehören dazu. Aber du bist 25 mit einem Abschluss der Uni Zürich in der Tasche - und konkurrierst mit Harvard-Absolventen.

Wenn wir Party machen, sind wir gleichzeitig am Networken. Auf unseren iPhones haben
wir unsere E-Mails, unsere Facebook- und Xing-Konten immer verfügbar.

Nie zuvor sind die Tageszeiten einfach ineinander übergeflossen, haben junge Leute
mit einem solchen Ernst ihren Spass gehabt.

Wir geben unser letztes Geld aus für
Champagner, denn wer weiss, wie lange der noch sprudelt.

Auf Praktikum 1 folgt Praktikum 2

Und wir beklagen uns nicht. Wir schieben Überstunden, wir sind rund um die Uhr erreichbar. Bereit, Opfer zu bringen, weil irgendwann der perfekte Job kommt, die perfekte Beziehung, das perfekte Leben. Wenn wir uns nur genug anstrengen.

Es gibt 24-Jährige, die ein Burnout hinter sich haben, und 28-Jährige, die das zum
zweiten Mal erleben. Nach einem Abschluss folgt nicht wie früher mal eine sichere Stelle,
sondern ein Halbjahrespraktikum, schlecht bezahlt. Wir arbeiten auf Abruf, mit unsicheren
Verträgen, mit der Hoffnung, dass sich das alles irgendwann auszahlt.

Ein Prost auf die Zukunft

Wir spornen uns an, gegenseitig. Alles ist möglich, man muss es nur genug wollen. Und dann, spätnachts am Küchentisch mit Freunden: wir trinken billigen Prosecco, weil der Champagner leer ist, und möchten heulen - weil das Geld mal wieder knapp ist, weil man nicht weiss, wo die nächste Stelle herkommt.
Man heult trotzdem nicht, man reisst zynische Witze, weil es sich ja eh nicht ändern lässt.
 

Würden wir tauschen wollen? Uns tut sich heute die ganze Welt auf:

innert Minuten ist man mit der anderen Seite der Erdkugel verbunden, liest die New York Times online, schreibt dazwischen eine E-Mail, schreibt nachts um eins einen Artikel wie diesen.

In der Unsicherheit liegt die Aufregung, die Lebenslust, oder zumindest das Gefühl,
dass nicht alles stillsteht. Es ist nun mal so, sagen wir, und wenn wir doch mal nicht mehr weiterwissen oder das Gefühl haben, dass wir nie ankommen, so lachen wir kurz auf, prosten uns zu und fragen uns insgeheim:

Sind wir nicht eifach nur verweichlicht?