Damenriege

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Gott ist ein Telefon

Das mit dem iPhone ist ja so eine Sache, entweder man hat es oder man hasst es. Und wer es hat, könnte auch gleich den Zeugen Jehovas beitreten, denn diese Menschen haben eine Lektion begriffen: «Überzeuge möglichst viele Leute in deinem Umkreis von der Allmächtigkeit dieses Geräts.»

Frau Weg – meine Freundin – und ich machen gerade Weihnachtsferien in den Alpen. Mit Aussicht auf die Berge und seit wir hier sind sogar wundervollem Wetter, Schnee und Sonne und so. Ich gebe mir wirklich viel Mühe, mich zu entspannen. Nach dem Spaziergang im Schnee jedenfalls, hab ich mich an den Esstisch gesetzt und mein neues Gadget gestreichelt. Etwas lange, glaube ich, weil Frau Weg irgendwann vom Sofa hochgeschaut und gemeint hat, ich sei ein Zombie. Ich sage: Was? – speichere mein Memo an mich selbst: "Hautenge Jeans an Männern sind immer noch in. Weshalb?", und schaue noch schnell nach, wo Norden ist – das beruhigt.

Das mit dem iPhone ist ja so eine Sache, entweder man hat es oder man hasst es. Und wer es hat, könnte auch gleich den Zeugen Jehovas beitreten, denn diese Menschen haben eine Lektion begriffen: "Überzeuge möglichst viele Leute in deinem Umkreis von der Allmächtigkeit dieses Geräts."

Die wahren Propheten sind schwul

Vor etwa vier Wochen waren wir, Frau Weg und ich, in einem Café zum Lesen und zum Leute Anschauen und das Café war ziemlich voll. Also, so voll, dass sich Leute zu anderen Leuten an den Tisch setzen mussten, was manchmal ja ganz amüsant sein kann. Wir wurden jedenfalls von einem schwulen Trio, ende Dreissig, beehrt. Die drei haben sich um das eine Ende unseres Tisches drapiert, Schosshündchen am Stuhlbein angebunden (der Köter hat trotzdem immer in meine Schuhe gebissen) und dann kam der obligatorische iPhone-Moment, wie ein Theater, das man auswendig kennt, wie "Dinner For One": Der mit dem blauen Schal sagte zu dem mit dem violetten Schal, er habe jetzt auch ein iPhone, worauf der mit dem violetten Schal sein Telefon aus der grauen Filztasche packte und damit begann, dem blauen Schal jede einzelne Funktion im Detail zu erklären. Der blaue Schal staunte anerkennend. Der Dritte in der Runde, der mit dem orangen Schal, sass daneben und – nun ja – und drank sein Bier und sagte gar nichts. Das war der ohne iPhone. Spätestens als unsere Zeugen Jehovas das wundervolle Gerät während zehn Minuten in die Höhe hielten um ein Programm namens Shazam das Lied erkennen zu lassen, das gerade lief (was natürlich nicht funktionierte – zu viele Nebengeräusche), war das gesamte Café darüber informiert, dass dieses Gerät alles kann, alles. Und ich habe darüber gelacht und der Frau Weg zugeflüstert: Die glauben, das Telefon sei Gott.

"Go go iStern-von-Betlehem!"

Und jetzt, in den Weihnachtsferien, wiederholt meine Freundin: "Ein iPhone-Zombie bist du!" Es musste so weit kommen. Ich schaue von meinem iPhone auf und sehe die Frau Weg grinsen. Sie mag es, dass ich das Ding habe, weil sie weiss, dass ich mich damit ein bizieli wie Inspector Gadget fühle. Und ich habe Lust aufzustehen und zu sagen: Go-go-gadgetocopter!, damit mir Helikopterflügel aus dem Kopf wachsen und ich damit herumfliegen kann. Und dann schaue ich nochmals schnell, wo Norden ist. Das Gerät kann wirklich alles.