Damenriege

Damenriege

Ode an die Hässlichkeit

Warum etwas vom Unästhetischsten für Löwenherz etwas so Schönes ist. Eine Liebeserklärung.

Es gibt viel Schönheit auf dieser Welt, die das Herz entzückt. Der Duft des Meeres, den man mit geschlossenen Augen einatmet. Ein Glas Wein an einem Tisch in einem Provence-Garten. Der Blick eines geliebten Menschen oder eine einzelne Locke, die sich einen eleganten Hals herunterwindet. Das zarte Tanzen von Sonnenstrahlen auf nackter Haut.

Und dann gibt es die Schönheit des Hässlichen. Ein Prototyp des Hässlichen ist die Zürcher Hardbrücke. Drüber zu viel Verkehr, zu viele Busse, zu viel Staub, drunter nacktes Beton- und Stahlgerippe; ein Bahnhof eingepfercht zwischen Partymeile, Taubenscheisse und Pendlerverkehr.

Fels im Meer der Bahngleise

Dennoch ist kein anderer Ort für mich mehr Zürich. An ihr prallen die Tageszeiten ab wie der Regen an der Busscheibe, wie die Sonne am Asphalt. Sie, die Halsschlagader der Stadt, lebt. Morgens kann man auf dem Weg zur Arbeit die funkelnden Dächer von Höngg bestaunen. Abends drängt sich alles durch dieses Nadelöhr. Sie jedoch bleibt standhaft, selbst wenn man an ihr herumdoktert wie derzeit.

Doch ihres besonderen Charmes wird man erst des Nachts bewusst: die Lichter der Stadt und der Wind, der da oben immer ein bisschen starker weht  künden von Freiheit und ihren ungeahnten Möglichkeiten.

Eine schlecht gelaunte, gute alte Freundin

Der beste Augenblick jedoch ist frühmorgens, über einer Stadt im Halbschlaf. Diesen Sonnenaufgang da oben, den gibts für kein Geld der Welt.  Sie, diese Brücke, bebt, als die Stadt langsam erwacht und flüstert mir grollend zu : “Sieh, es ist ein neuer Tag. Er wird bestimmt gut.”

Wenn ich könnte, würde ich eine angemessene Liebeserklärung schreiben an die Leichtigkeit und Beständigkeit der hässlichsten und zugleich schönsten Halsschlagader, die eine Stadt haben kann.