Damenriege

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Tamtam in Weiss

Jedes Mal, wenn Löwenherz mit Freundin C. spazieren geht, wird sie gezwungen, eine halbe Stunde vor dem Brautmodegeschäft stehen zu bleiben. Schwierig, findet Löwenherz.

Es kommt alle paar Wochen vor: C. und ich gehen in der Stadt spazieren (manche Frauen nennens auch "shoppen", aber ich will hier ja nicht allzu konsumgeil wirken). Und jedes Mal bleibt C. wie gebannt vorm Schaufenster irgendeines Brautmodegeschäfts stehen - und jedes Mal wirkt der ausgestellte Stofftraum in Weiss auf C. wie die Sirenen auf die antiken Schiffer. Will heissen: sie kommt nicht davon los.

Die Rüschchen-Droge

Die nächste halbe Stunde verbringe ich im Dämmerzustand, während C. sich ihrer Brandrede hingibt: Das Kleid. Der Schleier. Die Blumen. Die müssen zum Kleid passen. Und zu den Tischdecken. Und zur Tischdeko. Und die muss passen zum Anzug des Bräutigams. Und zur Kirche. Und zur Location. Und zur Livemusik.

Ich schrecke hoch: Musik? YEAH!! "Eine Polkatruppe?", frage ich begeistert. C. schaut mich nur irritiert an. Ich senke den Blick. 

Es werde alles perfekt sein an jenem Tag, schwört sie. Sie werde die Schönste sein und es gibt dann eine riiiiesige Torte, aber stilvoll, nicht kitschig, sondern halt so prinzessinnenmässig und so. Und sie wisse schon gaaaaanz genau, wie ihr Kleid ausschauen werde, nämlich wie dieses hier, nur nicht ganz so weiss, sondern mit einem pinken Touch, und die Träger so wie bei dem vom letzten Mal und....chzzzzz.

Ja, genau, lächle ich und frage ganz lieb, ob sie auch schon etwas Hunger habe.

Much ado about nothing?

Ich versteh das nicht. Dieses Tamtam um DEN Tag in Weiss. Man kann sich streiten darüber, ob eine Ehe heute noch zeitgemäss ist. Man KANN sich ja ein weisses Kleidli kaufen und trotzdem nicht in diesen Rausch verfallen, dem Perfektionismus hinterher zu jagen, der den Geschäftszweig mit der Romantik ankurbelt. Man SOLL ja ein Fest feiern mit Musik und tollem Wein und leckerem Essen. Bin ich voll dafür. Bin dann die mit dem Schwips und dem Limbo-Tanz mit der Braut.

Aber: ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen, ob nicht mehr Partnerschaften besser hinhauen würden ohne dieses Gestresse aller beteiligten Personen. Ein grosses Fest wird ja eh nie perfekt: irgendein Kind reisst bestimmt das Tischtuch vom Tisch oder die Schwiegermama knutscht im Suff den Kellner ab oder Onkel Edi kotzt übers Buffet.

Manchmal hab ich das Gefühl, dass beim ganzen Tamtam um Kleider und Menüwahl und Blumengestecke und Krönli im Haar das wirklich Wichtige verloren geht: das Versprechen von wegen "In guten wie in schlechten Zeiten...".


Und DAS geschieht nicht an der schönsten Location der Welt, sondern ganz woanders: im Herzen. (Ja sorry, bin manchmal auch kitschig, verdammt.)


C. hat übrigens ihren Bräutigam in spe noch nicht getroffen.