Damenriege

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Taxifahren in Italien

Taxifahrten in Italien sind mörderisch und bestimmt auch der Grund, weshalb die Italiener so religiös sind. Aber wehe man hat es einmal eilig.

Kürzlich waren Frau Weg und ich an einem Wochenende in Milano. Shoppen, what else. Ich kenne vieles von Italien von früheren Reisen. Zum Beispiel gefühlte 200 Etruskergräber und 4000 Kirchen, Kathedralen, Döme und ähnliches. Oder ich weiss, dass man Spaghetti wirklich auf keinen Fall und unter Androhung der Ausschaffung schneiden darf. (Ja, ich schneide Spaghetti. Genüsslich!) Oder dass man nicht jedes härzige Büsi mit nach Haus nehmen kann.

Aber etwas kannte ich nur aus Erzählungen und Filmen: Italienische Taxifahrten. Meine Mutter war einmal von einer Reise nach Napoli zurückgekommen und erzählte, wie sie mit den Händen vor dem Gesicht im Taxi zur heiligen Madonna gebetet habe. Und wie die Taxis hupend miteinander kommunizieren würden. Der Teil «Rom» von Jim Jarmuschs Episodenfilm Night on Earth, wo der Taxifahrer (Roberto Begnigni) mitten in der Nacht mit Sonnenbrille durch die engsten Gässchen der italienischen Hauptstadt rast, hilft auch nicht wirklich gegen meine Vorurteile.

Frau Weg und ich standen also gegen fünf Uhr abends vor dem Mailänder Dom und warteten händeringend in der Schlange auf ein Taxi. In 20 Minuten mussten wir am «Centrale», am Bahnhof sein um unseren Zug zu erwischen. Zugegeben, ich hatte etwas Angst vor der Taxifahrt, aber wenigstens war ich mir einer Sache sicher: Die Italiener würden uns nicht enttäuschen, die würden uns rasant und sicher ans Ziel bringen, sie würden Ampeln überfahren und wenn nötig auch ein paar Fussgänger, damit wir zur Stosszeit pünktlich ans Ziel kommen würden. 

Wir hüpften also hinein ins weisse Gefährt, «Milano Centrale, per favore», der Fahrer nickte, Zähler ein und los ging‘s. Ich kniff die Augen zusammen, hielt Frau Wegs Hand und versuchte, nicht voreilig zur heiligen Madonna zu beten. Nach ein paar Minuten merkte ich: Irgendwie fehlte die Fliehkraft. Ich öffnete die Augen, ganz langsam, und musste mit Entsetzen feststellen: Wir tuckerten tatsächlich mit 30 Kilometer pro Stunde in der Stadt umher. Wir sassen ausgerechnet im Taxi des langsamsten Fahrers Milanos – nein, von ganz Italien, ich bin mir sicher. Statt Gas zu geben, bremste er bei der gelben Ampel. Statt Fussgänger zu ignorieren, hielt er für sie an. Statt um die Kurve zu quietschen, schaltete er zwei Gänge runter.

Ich gestikulierte wild und packte meine paar Wörter vom zweijährigen Italienischkurs aus. «Il treno!» Signore Taxifahrer nickte nur wieder und schlich zum Centrale. Den Zug hatten wir schliesslich aber trotzdem erwischt. Diese verdammten Italiener!